Matta verlässt seine Kinder

Gregor Hens


So ein Schriftstellerleben kann eigentlich ganz nett sein. Man hat nicht viel zu tun, hängt in Bars ab und trifft sich mit Fans der eigenen Texte, die passenderweise weiblich, ledig und jung sind und nur darauf warten, vom Schriftsteller flachgelegt zu werden. So sieht es jedenfalls der tschechische Autor Michal Viewegh. Seine "Geschichten über Sex und Ehe" haben allesamt einen erfolgreichen Schriftsteller zum Protagonisten, der es in puncto Sexbesessenheit gerne mit den Helden von Philip Roth aufnehmen würde, es in der Praxis aber nur auf das Niveau der sehr frühen Filme von Franz Antel bringt. Vieweghs 22 Kurzgeschichten spielen auf Blockhütten oder Bauernhochzeiten und folgen einer fixen Dramaturgie: Mann kommt wohin, trifft auf junge Frau, die nicht viel im Kopf hat, und schon geht es zur Sache - mit dem Autor, da gibt's ka Sünd. In der Einleitung erklärt uns Viewegh, dass er das Thema Sex aus "mehr oder weniger persönlichen Gründen" gewählt habe: Tschechischen Sexologen zufolge kommt ein Tscheche auf durchschnittlich zwölf Intimpartnerinnen in seinem Leben - um diese und noch einige mehr geht es hier; in den besten Momenten ist das ganz witzig, kommt aber meistens aber über altbackene Männerfantasien nicht hinaus.

Um Männerfantasien geht es auch bei Gregor Hens, beziehungsweise um die Männerfantasie par excellence: Mann bricht mit seinem bisherigen Leben und brennt mit einer Jüngeren durch. Matta, der Ich-Erzähler, hat auch einigen Grund dazu: Für eine internationale Consultingfirma bereist er die Krisengebiete der Welt, er musste den Massenmord in Ruanda miterleben und den Krieg am Balkan. Seine Frau ist ihm fremd geworden, und eines Tages schmeißt er alles hin und fährt zu seiner großen Liebe. Doch der vermeintliche Befreiungsschlag ist der Auftakt zu einem Albtraum. Eine Frau kommt zu Tode, und anders als in seinem Beruf ist Matta diesmal nicht nur unbeteiligter Beobachter. Lakonisch und sprachlich sauber werden in "Matta verlässt seine Kinder" die Klischees umgedreht, am Ende ist das, was Matta so angewidert verlassen hat, noch das Beste in seinem Leben gewesen.

Verena Mayer in FALTER 17/2004



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