Das mohnrote Meer

Amitav Ghosh, Rudolf Hermstein, Barbara Heller


Amitav Ghosh lebt in New York, lebt und schreibt für den Weltmarkt – über seine Heimat Indien natürlich, wie es der ethnozentrische globale Literaturbetrieb eben fordert. Und zwar auf eine Weise, die den indischen Leser, wie man vermuten kann, eher verstört, jedoch ohne große Bearbeitung ein perfektes Hollywood-Drehbuch abgeben könnte. Trotzdem oder gerade deswegen liest man "Das mohnrote Meer" gerne – lässt sich in das koloniale Indien anno 1838 entführen und eine wilde Geschichte über die Liebe während der Hochblüte des Opiumhandels erzählen. Diti, ein einfaches Mädchen vom Land, das zuerst mit einem süchtigen Arbeiter einer Opiumfabrik verheiratet wird und später mit einem Ochsenkarrenbesitzer direkt vom Scheiterhaufen für Witwen auf ein Schiff flieht, gibt eine glaubwürdige, angenehme Hauptfigur ab. Als Identifikationsfigur für den männlichen Leser firmiert der zweite Steuermann des Schiffs, das Kulis nach Mauritius transportieren soll – der Viertelschwarze Zachary Reid, Sohn einer amerikanischen Sklavin und sozialer Aufsteiger par excellence.
Milieu- und jargonbewusst kommt dieses politisch korrekte Epos daher, das bisweilen mit allzu dras­tischen Einfällen aufwartet und dann abrupt endet, ohne die vielen Fäden auch nur halbwegs aufzudröseln. Gut geschrieben und ausgedacht, allerdings weit entfernt von der Feinheit und dem Tiefgang etwa eines Vikram Seth.

Kirstin Breitenfellner in FALTER 37/2008



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