Mein mausklickendes Saeculum

Robert Schindel


Donnersulz der Geschichte

Das Pathos ist groß in Robert Schindels neuem Gedichtband "Mein mausklickendes Saeculum". An seine gesammelten Gedichte "Fremd bei mir selbst" (2004) oder den vorletzten Band "Wundwurzel" (2005) kommt er dennoch nicht immer heran. Der "jüdische Troubadour, dieser traurige Harlekin, dieser dunkle Humorist aus Wien", wie ihn Marcel Reich-Ranicki einmal titulierte, wirkt bemüht: von allem etwas und vor allem ziemlich herb. Schindel wäre indes kein Dichterprofi, machte er sich nicht dennoch jeden Morgen an die Arbeit: Er hantiert an seinem Outlook, sucht den eigenen Namen auf Wikipedia, all das unter Begleitung von Fürzen, Rülpsern und mit "beträchtlichem Liebshunger". Wenn "endlich Word geöffnet", dann ist der sichtlich um Zeitgenossenschaft bemühte Dichter "in die Welt getreten". Auf seinem Lieblingsschauplatz, dem Schreibtisch – "da liegt mein Fürchten herum".
Da Gedichte immer auch von sich selbst handeln, trifft man auf viel Eigenpoetologisches: "Jetzt beschwurbeln meine Satzraster / Stark riechende Wortböcke. Sie plumpsen in die Seelenstille." In unverkennbarem Schindeldeutsch kalauert der Dichter ("in Erlangen Schlaf erlangen"), oder er spielt mit großen Namen und Themen wie "Blauer Blume", "Amfortas" oder "Turandot". Schließlich sind da die altbekannten Landschafts- und Stadtansichten zwischen Rom, Paris und Berlin, zwischen Innsbruck und Langschlag im Waldviertel. Dichterisch schwerfällig und gedanklich billig geht es zu, wenn die avancierte Sicht der Dinge zur Erkenntnis führt: "Die Massenmorde im dunklen Herz der Finsternis / Verunglimpfen etwas die Loveparaden die ohnedies sich abhalftern." In die Kategorie "wirklicher Teekannespruch" fallen schließlich Zeilen wie: "Die verschiednen Farben des Weltzusammenhangs / Lassen einen in der Irre eine Heimat vermuten."
Seit etlichen Gedichtbänden arbeitet Robert Schindel diese irrende Heimat in seiner Rede von den linken Sünden des vergangenen Jahrhunderts ab: Was blieb vom guten "Stolin" des kommunistischen Onkels oder von der eigenen, jugendbewegten Vergangenheit mit Trotzki, Mao oder Che? Wo der normalsterbliche Alt-68er in seiner Qual verstummt, fängt bei Schindel der Wiener Schmäh mit einer Maximalformel in Sachen Leben und Tod erst an: "Alles ist wundervoll vor allem alles." In der Kehle bleibt der Sarkasmus erst stecken, wenn es über die Naziopfer in der eigenen Familie heißt: "Mathilden aber bliesen sie im Südpolnischen in die Himmel."

Tatsächlich große Dichtung gelingt Robert Schindel, wenn er die ganze große "Donnersulz der Geschichte" nicht direkt benennt und das Terrain seiner Kindheitslandschaft zwischen Schüttelstraße und Prater rein sprachlich absteckt. In "Die Flanke", einem fast in die Prosa kippenden Textverschnitt aus Fußballmatch und eigener Biografie, fliegt "die Spucke Richtung Outwachler"; dem deutschen Leser müssen Ausdrücke wie "die Fetten des Balles" zwar in einem Wortregister erklärt werden, tatsächlich handelt es sich hierbei aber um höchste Wiener Weltweisheit. Robert Schindel gelingt es, was für Generationen die weinheberische Jesuitenwiese aus "Wien wörtlich" war, gründlich zu entnazifizieren. Ein Vorgang, der in seiner Bedeutung kaum zu überschätzen ist, auch wenn Schindel selbst längst ins Café Zartl unterwegs ist: "Der Ober sieht mich und bringt mir die Schale Gold."

Erich Klein in FALTER 37/2008



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