Mein ist die Rache. Novelle

Friedrich Torberg, Marcel Atze


Second Things First

Ernte des Lebens? Die 1970er-Jahre, Torbergs letztes Lebensjahrzehnt, begannen gar nicht gut. Der 1972 erschienene Roman "Süßkind von Trimberg", sein Reverenzbuch an den mittelalterlichen jüdischen Minnesänger, war seit Jugendjahren ein Lieblingsprojekt und sollte endlich in der literarischen Welt die erhoffte Reputation als Romanschriftsteller (wieder-)herstellen. Aber daraus wurde nichts, auch wenn Freunde das neue Buch lobten; letzten Endes vertrauten die Buchhändler und Leser auf Marcel Reich-Ranicki, der in einem aufsehenerregenden Spiegel-Verriss nur "puren Kulissenzauber" wahrnehmen konnte: "Wer es mit Friedrich Torberg gut meint und wem die große Sache, um die es hier geht, wichtig ist, der kann ihm und uns nur wünschen, dass dieses Buch möglichst schnell vergessen wird."
Torberg war blamiert; der vermeintlich große Wurf entpuppte sich als Flop. Der Autor fühlte sich vom Buchhandel boykottiert, sogar der Verlag stieg bei Werbung und Auflage auf die Bremse. In der Öffentlichkeit fühlte er sich in der Defensive, seine "Süßkind"-Lesungen waren begleitet von Polemiken wegen des von ihm angezettelten und noch immer verteidigten Brecht-Boykotts. Sein militanter Antikommunismus, der sich seit Jahrzehnten besonders mit den sogenannten Fellow Travellers in der Literatur (von Thomas Mann abwärts) anlegte, war zwar nicht mehr gefragt, aber nicht weniger virulent. Vor der Neuen Linken und ihren literarischen Repräsentanten wie Peter Weiss und Erich Fried grauste ihm, und seine alten Fehdespiele gegen Günther Anders, Hilde Spiel, Hans Habe und andere österreichische "Kryptokommunisten" führte er auch in den 70ern noch weiter. Torberg war ein Spezialist in der Pflege seiner Feinde, auch wenn er dann und wann rhetorisch zurückruderte und dem Zeitgeist und der zeitgenössischen Literatur – etwa im Falle von Peter Handke und Gert Jonke – Tribut zollte.
Ein letzter kulturpolitischer Triumph war Torberg im Herbst 1972 gegönnt, allerdings um welchen Preis! Als der österreichische PEN-Vorsitzende Alexander Lernet-Holenia gegen die Vergabe des Literaturnobelpreises an Heinrich Böll protestierte, weil er in ihm den bösen Baader-Meinhof-Sympathisanten sah, und in einer spektakulären Aktion zurücktrat, zog Torberg alle ihm zur Verfügung stehenden Fäden, um Hilde Spiel als neue Präsidentin zu verhindern und den Generationenkonflikt in der österreichischen Literatur erst recht zu schüren. Torberg setzte sich durch, aber gleichzeitig zerbrach der PEN: Im Jänner 1973 wurde aus Protest gegen die konservative und avantgardefeindliche Haltung des PEN die Grazer Autorenversammlung gegründet.
Dabei waren die alten ideologischen Schützengräben längst obsolet geworden, der universelle Kalte Krieg interessierte eine neue Generation nicht mehr, der Brecht-Boykott an den Theatern ließ sich längst nicht mehr aufrechterhalten, sogenannte DDR-Regisseure inszenierten am Burgtheater, Ernst Jandls Lautgedichte begeisterten junge Lyrikfans, Germanisten entdeckten empört, dass Torberg die originären Herzmanovsky-Orlando-Texte mit seinen Gags verzuckert hatte. Politisch und ästhetisch waren für Torberg die Gegenwart, deren literarische Trends und rebellische Wortführer nicht nur ein Missvergnügen, sondern eine "Gefahr für die Demokratie"; seiner Natur entsprechend hielt er diese Meinung auch nicht zurück und eignete sich deshalb ideal für Angriffe und Verspottungen.
Auch in einer anderen Frage wurde es eng für Torberg. Wegen der amerikanischen Geldzuschüsse für seine Zeitschrift FORVM (als Teil der "Congress for Cultural Freedom"-Bewegung) wurde er gern als CIA-Schützling oder gar als CIA-Agent punziert. Torberg versuchte sich gerichtlich zu wehren. Gegen Hilde Spiel siegte er 1958 noch, aber gegen Alfred Kolleritsch und Klaus Hoffer zog er 1973 in einem gerichtlichen Vergleich den Kürzeren, weil bewiesen werden konnte, dass das FORVM Gelder aus CIA-finanzierten Stiftungen bezog. Als die Vorwürfe wegen Brecht-Verhinderung und CIA-Finanzierung in einer Salzburger sozialdemokratischen Tageszeitung zu lesen waren, holte Torberg seinen Freund Bruno Kreisky zu Hilfe, der prompt in der Redaktion anrief, um den Übeltäter abzustrafen.
Es ist schon erstaunlich an Torbergs besessener Brecht-Aversion, dass sie bis zur "Dreigroschenoper" zurückging; schon im Hollywood des Jahres 1943, also zur Zeit der Schlacht um Stalingrad, fertigte Torberg für das FBI ein Dossier über Brechts kommunistische Gesinnung an. Wer hauptsächlich des monströsen, halsstarrigen und polemischen Fossils aus den Zeiten des Kalten Krieges ansichtig werden will, des Mannes, der – wie Robert Neumann spöttisch meinte – täglich einen Kommunisten meinte zum Frühstück verspeisen zu müssen, der kann dies mit Frank Tichys kritischer, allerdings in einigen Punkten fehlerhafter Torberg-Biografie aus dem Jahr 1995 tun.
Keine Frage, dass David Axmann, Torbergs langjähriger Nachlassverwalter, dem literarischen Kraftlackl Torberg mit humorvollem Wohlwollen zugetan ist und seinem Meister im Geschichtenerzählen und Pointensetzen nacheifert. Unkritisch ist die neue, gut zu lesende Biografie aber nicht, sie ist gut recherchiert, folgt einerseits der bewegten Lebensgeschichte (mitsamt den Frauengeschichten), skizziert andererseits in thematischen Feldern Torbergs Verhältnis zum Sport, zum Wiener Kaffeehaus, zu Österreich, zum Judentum und sein Literaturverständnis und zeichnet solcherart ein vielschichtiges Porträt eines Vielseitigen, der sich in vielen Wassern selbstbewusst und erfolgreich bewegte. Das ausgezeichnete, reich bebilderte Buch zur Torberg-Ausstellung im Jüdischen Museum, herausgegeben von Marcel Atze und Marcus Patka, tut Ähnliches, ist aber durch seine vielen Beiträger rissiger und kritischer, hält die Wiener Institution Torberg stärker auf Distanz. Der Titel "Gefahren der Vielseitigkeit" gibt eine Torberg'sche Selbsteinschätzung wieder. Für Selbstpersiflierungen war Torberg immer gut.
Torberg hie, Torberg da; ausgestattet mit schwarzem Kaffee und vielen Zigaretten war er vor allem nachts ("Frühmorgens, wenn die Hähne krähn, / dann wird es Zeit zum Schlafengehen") im Einsatz: als emsiger Theaterkritiker, als streitbarer politischer Kolumnist, als routinierter Romancier, als mäßig reüssierender Drehbuchautor in Hollywood, als kommerziell erfolgreicher Übersetzer (u.a. von Ephraim Kishon), als erinnerungsseliger Herausgeber von Peter Hammerschlag und Fritz von Herzmanovsky-Orlando, als langjähriger Betreiber des anspruchsvollen FORVM, als begehrter Diskutierer in Veranstaltungen und TV-Shows, als überaus effizienter Netzwerker, als opulenter Briefschreiber und nicht zuletzt als quicklebendiger Schlussmann des untergegangenen österreichisch-mitteleuropäischen Judentums, für das er gern die Rolle des Anekdotenerzählers und Traditionshüters (wider alle falsche Propheten) übernahm.
"Die Tante Jolesch" (1975) und "Die Erben der Tante Jolesch"(1978), jetzt im Doppelpack wieder aufgelegt, waren Bücher voll skurriler jüdischer Weisheiten, Schnurren des Abschieds, getragen von milde lächelnder, oft sicherlich verklärender Wehmut an eine Zeit, als für Käuze und Sonderlinge noch Platz war und das Kaffeehaus wie selbstverständlich im Mittelpunkt des Lebens stand.
Torberg, 1908 als Fritz Kantor in Wien geboren, ab 1921 in der jüdisch-deutschen Prager Gemeinde aufgewachsen, war als literarischer Frühstarter ("Der Schüler Gerber" aus dem Jahr 1930 wurde zum Riesenerfolg) ein Liebkind der Kulturszenen in Prag und Wien, unter anderem festes Mitglied der legendären Café-Herrenhof-Runde (mit Anton Kuh, Hermann Broch, Alfred Polgar u.a.). Torberg erzählte gern, dass er "der letzte junge Schriftsteller (war), den Karl Kraus an sich herangelassen hat"; so war er sich der Segnungen des Meisters gewiss, als er sein Gewerbe der Pamphlete und Parodien entwickelte.
"Meine Zugehörigkeit zum Judentum ist für mich keine leere Formalität, sondern Sache einer stolzen Überzeugung." Wie viele aus seiner Generation kultivierte Friedrich Torberg sein Judentum zunächst vor allem im Sport; die zionistische Hakoah und vor allem dessen meisterlicher Fußballverein faszinierten den Heranwachsenden. Torberg besuchte die Matches, begeisterte sich sein Lebtag für die Eleganz des runden Leders. Weil er sich allerdings nicht genug begabt dafür sah, steuerte er eine Karriere als Wasserballsportler an. Mit Hagibor Prag wurde er tschechoslowakischer Meister, Fotos zeigen einen muskulösen, selbstzufriedenen Feschak, der ganz und gar dem neuen zionistischen Männlichkeitsideal entsprach. Noch in seiner Aktivzeit betrieb er Sportjournalismus, bei der Fußball-WM 1954 ließ er sich gerne vom Kurier engagieren. Sein Roman "Die Mannschaft" (1935), einer der wenigen (noch immer gut lesbaren) Sportromane in der deutschen Literatur, der mit dem Fußballspiel im Wiener Liechtensteinpark beginnt und mit dem Aufstieg zum erfolgreichen Wasserballer endet, hält sich über weite Strecken an Torbergs eigene Lebensgeschichte.

Als die Deutsche Wehrmacht in Prag einmarschierte, floh Torberg "Hals über sowieso" nach Zürich, heuerte bei Kriegsausbruch in der tschechoslowakischen Exilarmee in Frankreich an (die nie zum Einsatz kam) und entzog sich im allerletzten Moment der vorrückenden deutschen Armee zuerst nach Spanien, dann nach Portugal, von wo er mittels eines Vertrags mit Warner Bros. ein Visum erlangen und damit in die USA flüchten konnte.
Spöttisch, voller Heimweh nach Österreich bekam Hollywood von ihm den zweiten Ortsnamen "Purkersdorf mit Palmen", ebenso spöttisch wie verzweifelt charakterisierte er sein Jobdasein als "dankbar und unglücklich". Hollywood als Arbeitsstelle war ihm ein Graus, nur erträglich durch Freunde wie Franz und Alma Werfel, New York (ab Juli 1944) war schon besser und näher an Europa dran, erst nach langer Vorbereitung kehrte er 1951 nach Wien zurück. Eine seiner ersten Aktionen war, ins Café Herrenhof zu seinen verbliebenen treuen Freunden zu eilen. Denn, so sein (natürlich ironisches) Lebensleitmotiv: "Second things first. Vorrang des Nebensächlichen vor der Hauptsache, des Einfalls vor der Tatkraft, der Arabeske vor der Substanz."


NEUES VON UND ZU TORBERG Kochrezepte für Marlene Dietrich
Die nun wieder aufgelegte und bisher nur wenigen bekannte Novelle "Mein ist die Rache" (1943) gilt als einer der Höhepunkte von Torbergs erzählerischem Schaffen. Sie ist eine der frühen, die Grausamkeiten sehr realistisch wiedergebenden Erzählungen über ein deutsches Konzentrationslager und schildert in einer ergreifenden Form das Dilemma von Juden, die im KZ zu Tode gefoltert wurden: aufgeben oder Widerstand leisten.
Der 100. Geburtstag bereichert die bereits jetzt schon zahlreiche Torberg-Briefliteratur um zwei bemerkenswer­te Dokumente, die einmal mehr den glänzenden Schreiber Torberg vorführen. Worum geht es eigentlich in seinem Briefwechsel mit Marlene Dietrich? So genau lässt sich das nicht sagen, denn es geht schlechthin um alles. Torberg springt vom Erhabenen zum Alltäglichen, vom Vertratschten zum Existenziellen, er lässt seinen Assoziationen und Sehnsüchten freien Lauf, nimmt den Brief als Medium, um Komplimente auszuteilen, platonische Verführungen anzubringen und Mut zu machen. Er steht mit Rat und Tat zur Seite, spielt den Seelenklempner in verzwickten Lagen und tauscht mit Marlene Kochrezepte aus. Der Gefühlseinsatz ist beträchtlich, Marlene geht bei ihm vor Anker ("Mein Süßer"), um aber sogleich wieder in die Ferne zu entschwinden. Torberg spielt den Beharrlichen ("Liebsteliebsteliebste"), steht ihr bei der schwierigen Deutschlandtournee (1960) zur Seite.
Der Briefwechsel mit Ephraim Ki­shon ist etwas anders ge­stimmt, aber auch er spielt mit der Erotik. Beide haben viel Spaß daran, einander Heiratsanträge zu schicken, sind verstimmt, wenn der andere nicht sofort antwortet. Wenn's fad zu werden droht, greifen sie schon einmal zum Genre einer Vater-Sohn-Beziehung, Torberg bekommt den Titel "Pappi" verpasst, Kishon versprüht bei allem Geschäftsgeist immer gute Sohneslaune ("Sonny").
Entsprechend ihrer professionellen Verbindung stehen Sprachprobleme im Mittelpunkt ihrer maliziösen Konversationen, Torberg sagt Kishon ziemlich unverblümt, aber immer witzig seine Meinung. Die beiden Herren standen miteinander im Wettbewerb, wer wohl wichtiger sei: der Autor oder der Übersetzer. Torberg, nicht faul in seinem Anspruch, sah sich als eigentlicher Autor und forderte mehr Geld, Kishon gab Kontra und forderte eine getreulichere Übersetzung ein, um seine Satire besser an die deutschen Leser zu bringen. Beide waren aus ähnlichem Witz-Holz geschnitzt, gaben bei Lesungen und Vorträgen das komische Duo und blödelten auch per Briefkontakt fürs Leben gern. "Küsse, Hilfe, Alles, Papa, aztakutyfokadamentetykides!"

Alfred Pfoser in FALTER 37/2008



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