Die Die Familie ist tot - Es lebe die Familie

Elisabeth Roudinesco, Sabine Mehl


Wunschfamilie

Sie wird heiß umworben, vor allem in Wahlkampfzeiten, wandelt sich in atemberaubendem Tempo und bleibt dennoch die universellste Institution der Menschheit: die Familie. In die wenig gelassene Debatte um deren Rechte und Funktionen bringt die französische Psychoanalytikerin Elisabeth Roudinesco einen Beitrag ein, der sich durch eine angenehm unideologische Ausführung, einen originellen Ansatz und einen starken, teilweise detailverliebten historischen Teil auszeichnet.
"Die Familie ist tot. Es lebe die Familie" geht von der Beobachtung aus, dass Homosexuelle seit einiger Zeit vehement dafür kämpfen, das Recht auf Ehe und Familie zugesprochen zu bekommen – was Konservative verschiedener Couleur weit mehr beunruhigt als die früher zum Ausdruck gebrachte Familienverachtung. Woraus resultiert diese Sehnsucht nach Familie?
Roudinescos Spurensuche be-ginnt mit den anthropologischen Prämissen und führt in einer Tour de Force durch die Ideengeschichte der Familie, von Aristoteles bis zur Psychoanalyse, der es trotz vorangetriebener Entmachtung des Patriarchen gelang, die Familie ins Zentrum einer neuen symbolischen Ordnung zu rücken – als "Schmelztiegel einer grundlegenden zivilisatorischen Kraft" und gleichzeitig als "unabdingbare Voraussetzung für jegliche Form der Rebellion: die Auflehnung der Kinder gegen die Eltern, der Bürger gegen den Staat, des Individuums gegen die Vermassung".
Die moderne Familie – eine Erfolgsgeschichte der Emanzipation: "Die Frauen konnten durchsetzen, in ihrem Anderssein akzeptiert zu werden, die Kinder wurden nun als eigenständige Persönlichkeit betrachtet, und die ,Schwulen' konnten in die Normalität einziehen."
Verhütung und Reproduktionsmedizin lösten die Verbindung zwischen Weiblichkeit und Mutterschaft, Fortpflanzung und Lust, wodurch die Institution Familie sich weiter öffnete und, so Roudinescos These, erstaunlicherweise nichts von ihrer Anziehungskraft einbüßte. Die angekündigte Erklärung für dieses Phänomen bleibt die Autorin am Schluss, der die Zukunft der Familie in drei mageren Seiten recht allgemein und vage abhandelt, allerdings schuldig.

Kirstin Breitenfellner in FALTER 36/2008



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