Eine besondere Vorsehung

Richard Yates


Alice lebt hier nicht mehr

Die posthume Karriere von Richard Yates (1926–1992) ist fast schon tragisch stimmig: Hohe, aber uneingelöste Erwartungen sind das Schicksal der meisten seiner Protagonisten, die erfahren müssen, "dass der Alltag sich nicht abstellen ließ". Yates selbst kam mit seinem Debütroman "Zeiten des Aufruhrs" 1961 zu relativ frühem Ruhm, an den er nie wieder anknüpfen konnte. Die Verfilmung von "Revolutionary Road" (so der Originaltitel) kommt Anfang nächs­ten Jahres in die Kinos. Das junge Ehepaar Wheeler, das in den Suburbs zwischen Cocktailabenden, Affären und ungewolltem Kindersegen vor die Hunde geht, wird von Kate Winslet und Leonardo DiCaprio dargestellt. Yates wäre wohl der Letzte gewesen, eine solche Hollywoodkarriere auch nur zu erträumen.
Die Deutsche Verlags-Anstalt hat in den letzten Jahren die Bücher Yates' in erfreulich regem Rhythmus übersetzen lassen; mit "Eine besondere Vorsehung" ("A Special Providence", 1969) liegt nun bereits das fünfte Buch vor. Die ständig im Wachsen begriffene Fangemeinde wird sich bei der Lektüre dieses Romans an bereits erschienene Werke erinnert fühlen: Die libidinöse Struktur des Militärs hat der Autor in seiner grandiosen Short Story "Jody lässt die Würfel rollen" (aus "Elf Arten der Einsamkeit") freigelegt; und die notorisch überambitionierte, aber unterfinanzierte Alice Prentice erinnert bis in Details an Esther "Pookie" Grimes aus "Easter Parade". Die von Zwangsdelogierungen angetriebene Irrfahrt durch Kleinstädte der Ostküste, die Alice und ihr Sohn Robert mitmachen müssen, kannte Yates übrigens aus eigener Anschauung: Seine Mutter Ruth, "Dookie" genannt, diente für beide Romane als Vorbild.
Zwischen Prolog und Epilog von "Eine besondere Vorsehung" geht der Zweite Weltkrieg zu Ende, dazwischen liegen etwa drei gleich lange Teile: Eins und drei sind hauptsächlich den Erlebnissen von Bobby Prentice beim Militär und an der europäischen Front gewidmet, das Mittelstück behandelt die Vorkriegszeit, in der sich Alice nach ihrer Scheidung von einem etwas langweiligen, aber dennoch untreuen Mann als Alleinerzieherin durchschlägt und so lange über ihre Verhältnisse lebt, bis sie vor ihren Gläubigern zu ihrer doch noch unter die Haube gekommenen Schwester nach Texas fliehen muss – ein Manöver, das wiederum die Einstellungen der Unterhaltszahlungen zur Folge hat.
Richard Yates ist ein Meister, wenn es darum geht, seinen Lesern unsympathische oder zumindest mäßig gewinnende Helden ans Herz zu legen. Im vorliegenden Falle kann einem Alice' offensichtlich unbegründetes Vertrauen darauf, mit einer Einzelausstellung ihrer Plastiken demnächst den Durchbruch zu schaffen, ebenso auf die Nerven gehen wie Bobbys Schusseligkeit und sein verkrampftes Bemühen um Anerkennung und Anschluss.
Das geht sehr oft schief, aber Yates ist großherzig genug, seinen Figuren auch den ein oder anderen Erfolg zu gönnen. Als Alice auf einer Party einen liebenswerten, interessanten und allem Anschein nach auch noch obs­zön reichen Mann kennenlernt, entpuppt sich dieser zwar als Windbeutel (wer hat schon ein paar echte Murillos und Poussins in seiner Wohnung hängen?), aber immerhin schafft es Alice mit einer ihrer Skulpturen dann doch einmal ins Time Magazine. Und Bobby macht zwar wenig richtig, übersteht den deutschen Granatenhagel aber unversehrt und muss am Ende allenfalls bedauern, den wirklich glamourösen Teil des Kriegs (die Ardennen-Offensive!) verpasst zu haben.
Am Ende liegt ein Ozean zwischen Mutter und Sohn. Letzterer hat das Leben noch vor sich. Und einen dermaßen herzzerreißenden letzten Absatz wird man in der Literatur des 20. Jahrhunderts nicht so bald finden.

Klaus Nüchtern in FALTER 36/2008



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