Der verirrte Reisende. Erzählungen

José M Merino, Friedrich Stockmann


Papier ist bekanntlich geduldig. Ob die ihm anvertrauten Geschichten wahr, wahrscheinlich, möglich oder völlig frei erfunden sind, ist unerheblich. Der 1941 in der nordspanischen Hafenstadt La Coruña (Galicien) geborene Jurist und Schriftsteller José María Merino nützt diese Freiheiten hier weidlich aus. Seine Kurzprosa hat einen Hang zum Fantastischen, Übernatürlichen und rational nicht mehr Greifbaren.
Bei Merino kann so ziemlich alles passieren. Menschen lösen sich in Luft auf, bis von ihnen nur noch ein stechender Geruch und leise Kratzgeräusche übrigbleiben. Einem Linguistikprofessor zerkrümelt die Welt der Worte, bis er schließlich selbst mit ihnen zerfällt. Einem alten Mann begegnet der Tod in Form eines für die Umgebung unsichtbaren Reptils, das sich nur für eine Weile mit einer alten Hirtenflöte in Schach halten lässt. Ein Schreiberling zieht sich für zwei Wochen zum Romanschreiben in ein Landhaus zurück. Dort wandern seine Gedanken (und mit ihnen er selbst?) an einen imaginären Ort namens Oaxacoalco, wo er in die Welt seines Großvaters eintaucht. Nachdem er aus seinem Tagtraum aufgeschreckt ist, will sich der Schriftsteller aus der Küche einen Kaffee holen. Zu seiner Verblüffung sorgt sein Erscheinen dort für helle Aufregung. Laut seinen Freunden war er eineinhalb Jahre verschollen. Wie das? Solche Fragen muss Merino zu seinem Glück gar nicht beantworten.

Edgar Schütz in FALTER 35/2008



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