Cold Water

Gwendoline Riley, Sigrid Ruschmeier


Leben in der Bar

Aus nicht restlos geklärten Gründen scheinen sich junge britische Frauen aus wenig glamourösen Verhältnissen, aber mit starkem Hang zu übermäßigem Alkoholkonsum besonders gut als Erzählerinnen zu eignen. Nach A.L. Kennedys wunderbar sarkastischer Schnapsdrossel Hannah Luckraft ("Paradies") und der grandios desorientierten Icherzählerin aus Chris Cleaves "Lieber Osama" hat nun Gwendoline Riley diesen Typus in ihre Heimatstadt geholt: Carmel McKisco ist 20, also nur um drei Jahre jünger als die Autorin war, als deren Debüt "Cold Water" 2002 im englischen Original erschien. Als sie 14 ist, stirbt ihr Vater, worüber die Tochter "erleichtert" ist: "Kurz danach zogen mein Bruder Frank, meine Mutter und ich aus unserer kleinen Doppelhaushälfte in Prestwich in eine kleine Doppelhaushälfte in Whitefield." Man muss wohl nicht dort gewesen sein, um zu ahnen, dass das kaum der nobelste Winkel von Manchester ist.
Carmel arbeitet in der Bar, da bleibt Zeit, sich schon am Nachmittag andernorts "in Maßen" zu betrinken. Die Umstände sind der Solidität des Lebenswandels nur mäßig zuträglich, und dass sich Carmel von ihrem völlig betrunkenen Ex an ihrem Geburtstag auf der Behindertentoilette vögeln lässt, macht auch keinen schlanken Fuß. Dennoch ist es keineswegs die voyeuristische Zurschaustellung von Elend und Exzess, mit denen die Leser bei der Stange gehalten werden, sondern erstaunlicherweise die große Zärtlichkeit, die hinter einer Oberfläche aus abgebrühter Lebensphilosophie und coolen Sprüchen gar nicht so schwer auszunehmen ist.
Es ist eigentlich ein Ensemble von Losern, das uns hier vorgeführt wird: Leute, die als Teenager mal Cross-Country-Meister waren oder es mit ihrer Band fast geschafft hätten; und dennoch werden sie nicht einfach als verkrachte Existenzen bloßgestellt. Das liegt vor allem an der Sprache, die Riley ihrer unsentimentalen, aber menschenfreundlichen Protagonistin in den Mund legt: lakonisch und dann wieder von koketter Elaboriertheit und ziemlich witzig: "Er hat einen tollen Gang und einen tollen Wortschatz." Darüber hinaus wird an manche, zu Unrecht in Vergessenheit geratene Wahrheit erinnert: "Menschen, die lange Strecken zu Fuß gehen, machen die Welt besser."

Klaus Nüchtern in FALTER 35/2008



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