Wien /Vienna

Peter Rigaud


Der Himmel über Wien

Das Cover dieser Publikation ist eine Zumutung. "Wien / Vienna – Fotoessay" ist auf dem Buchumschlag zu lesen, dazu der Name Peter Rigaud. Wien im Bild: Kein Fiaker mit imperialer Bartkunst im Gesicht ist auf dem Einband zu sehen; touristische Greif- und Kaufreflexe werden mittels fotografierter Riesenräder, goldglänzender Musikerstatuen und paradierender Pferde nicht befördert. Wien ist, am unteren Rand dieses Buches und nur einige Millimeter hoch, als Häusermeer dargestellt, auf dem sich ein blauer Himmel türmt. Weiße Wolken schweben über der Stadt, die durch zwei ins Bild ragende Gebäude, klotzig und mattschwarz, überhaupt erst identifizierbar wird: die Türme des Allgemeinen Krankenhauses als neues Erkennungszeichen der Metropole.
"Fotografische Liebeserklärung" nennt der Bildreporter Peter Rigaud die jüngst publizierte Zusammenstellung seiner Wien-Eindrücke in Buchform. Darin versammelt der 1968 in Salzburg geborene Lichtbildner die Ergebnisse seiner 15-jährigen, zumeist professionellen Auseinandersetzung mit der Stadt – so gut wie alle Wien-Darstellungen in dem Band sind das Ergebnis fotografischer Auftragsarbeit, unter anderem für Magazine wie Stern, Merian und Geo.
Wien hat in dem Fotojournalisten einen Auslandsbotschafter. Mit Eigensinn und Gespür erledigt er seine Arbeit als planvoller Dekonstruierer urbaner Klischees, die Stadt und deren Erscheinungsformen dabei dem Rigaud-Blick unterziehend. "Das Um und Auf ist der Faktor Zeit", sagt der Fotograf, der in Wien seit 1994 seinen Hauptwohnsitz hat und in Berlin ein Studio unterhält. "Der frische, andere Blick auf die Stadt zählt."
Im Praterlokal Schweizerhaus lichtete Rigaud im Zuge einer kulinarischen Vorortreportage Berge von leeren Bierkrügen und Stelzen mit Preiszetteln ab; im Krapfenwaldbad fläzt auf einem Foto ein Besucher in einem Liegestuhl – auf einem Schild daneben ist der rätselhafte Hinweis "Kinderlerntisch" angebracht. Ein Kaffeehausgast, Inbild der hierorts gern beher­zigten Gemütlichkeit, schläft am Tisch, vor sich zwei Wassergläser, neben sich ein Exemplar der Presse. Die Dame mit barocker Kopfbedeckung und zartem Oberlippenflaum ist Stammgast im Bellariakino. Das Foto eines Fiakers zeigt den riesenhaften Hinterkopf eines Menschen mit Melone und, verschwindend klein im Bildhintergrund, den Heldenplatz. "Während andernorts Eigenheiten zum Klischee verkommen, ist es hier genau umgekehrt: Erst wer ein anerkanntes Klischee zur Eigenheit gemacht hat, hat es wirklich geschafft", formuliert die TV-Moderatorin Clarissa Stadler in ihrem Textbeitrag.
Wien, dargestellt in einer Bilderrevue, die aus den vergangenen 15 Jahren datiert, bedeutet auch, eine Stadt im Nichtwandel der Zeit präsentiert zu bekommen. Viele der im Buch versammelten Fotos wirken, als ob sie erst vor einer Woche gemacht wurden, als ob an Brunnen- oder Naschmarkt geis­terhafter Zeitstillstand herrscht.
Das Beste sei, draußen zu sein, unterwegs zu sein und zu fotografieren, sagt der Fotomann, auch nach all den Jahren als Profi. Auch wenn damit manchmal erhebliche Mühen verbunden sind: Rekordwinter 2006. Rigaud, ein gefragter Porträtist, erhält den Auftrag, den Naschmarkt, wieder einmal, zu fotografieren. Im Schneegestöber kämpft er sich zum nahegelegenen Verkehrsamt vor und bittet um die Erlaubnis, vom Dach des Gebäudes aus den Markt fotografieren zu dürfen. "Die müssen gedacht haben: Ein Irrer steht vor ihrer Tür. Ein Mann, unter den Schneemassen auf Kopf und Kleidern kaum mehr auszumachen, der alles daransetzt, aufs Dach vorgelassen zu werden." Das Foto vom Naschmarkt im Wintersturm zeigt die erleuchteten Kobel des Handelsplatzes als Aufeinanderfolge von Miniaturhäuschen. Große, weiße Bälle wischen über das Bild.

Wolfgang Paterno in FALTER 34/2008



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