Batman: The Dark Knight

Frank Miller


George Bush mit Flügeln

Dem heimischen Kinostart des jüngsten Leinwandabenteuers von Batman gehen Jubelmeldungen über Kassenrekorde voraus: In den USA überholte "The Dark Knight" nach zehn Tagen mit 314 Millionen Dollar Einnahmen den bisherigen Rekordhalter "Fluch der Karibik 2", und nach 18 Tagen war die 400-Millionen-Dollar-Grenze überschritten. Bis zum Ende des Sommers erwartet man, dass auch noch die Schwelle von 600 Millionen Dollar erreicht und damit der bisher in den USA kommerziell erfolgreichste Film, James Camerons "Titanic", von Platz eins verdrängt wird.
Warum kann sich dieses Superheldenepos gegen breitenwirksame Liebesdramen und familientaugliche Animationsspäße so erfolgreich durchsetzen? Vermutlich, weil hier endlich der Kern des wahren Helden freigelegt wurde, der sich über alle gesellschaftlichen Konventionen stellt und letztlich nur sich selbst verantwortlich ist. Batman ist der legitime Sohn von Herkules. Mit menschlichen wie auch göttlichen Kräften ausgestattet zeigte sich der erste Superheld der Antike von unberechenbarer, cholerischer Natur, der im Affekt unter anderem die eigene Frau, seine Kinder und besten Freunde tötete und dennoch zu den beliebtesten Heroen der Literaturgeschichte zählt. Auch Batman war von seinem Zeichner Bob Kane als Antithese zu Lichtgestalten wie Superman angelegt worden. Schon bei seinem ersten Auftritt 1939 in "Detective Comics Nr. 27" zeigte der "dunkle Ritter" anders als der rechtschaffen-biedere Mann vom Planeten Krypton keine Gnade mit seinem Gegner. Nachdem er diesen gestellt hatte, übergab er ihn nicht etwa der Polizei, sondern stieß ihn in einen Säuretank. Zufrieden kommentierte Batman seine Lynch­justiz: "A fitting end for his kind."
Auch in seiner Privatidentität als Bruce Wayne ist er nicht an Konventionen gebunden, sondern führt das sorgenfreie Leben eines Playboys und Millionärs ohne Zwang zur Erwerbsarbeit. Sein frauenloses Zusammenleben mit einem jugendlichen und nur mit knappen Shorts bekleideten Assis­tenten, Robin the Boy-Wonder, regte libertäre Fantasien an, die im prüden Amerika der 50er-Jahre Tugendwächter auf den Plan riefen. Damit ist Batman der erste fiktive Charakter der Popkultur, dessen mögliche Homosexualität öffentlich diskutiert wurde. Der Verlag achtete daraufhin bei den Storyboards penibel darauf, jede sexuelle Assoziation zu vermeiden. In den 80ern durfte Robin zum Mann heranwachsen und wurde in einer anderen Comicserie als eigenständiger Superheld namens Nightwing entsorgt.
Das war auch die Zeit, als zwei legendäre Comiczyklen den mittlerweile gesetzestreuen und brav kriminologisch arbeitenden Crimefighter wieder in jene dunkle und ambivalente Figur zurückverwandelten, als die Batman zu Beginn angelegt worden war: Frank Miller befreite Batman 1986 als Autor und Zeichner in "The Dark Knight Returns" aus den Fesseln jeglicher politischer Korrektheit und zeigte einen verbitterten, rechtskonservativen Reaktionär, der gegen den "Abschaum der Großstädte" seinen privaten Rachefeldzug führt. Ein Jahr darauf lieferte Miller in "Year One" die psychologischen Hintergründe für die Verwandlung des sanften Millionärssohnes Bruce Wanyne in den Selbstjustiz übenden Batman – eine Entwicklung, die eine Gegenwart widerspiegelte, in der Bürgerrechtsbewegungen gegen Polizeiübergriffe mobil machten und der Fall Rodney King zu den Unruhen in Los Angeles führte.

Und auch heute ist Batman, wie er im neuen Kinoepos dargestellt wird, ein Kind seiner Zeit. Das Wall Street Journal verglich Batman mit der Politik George Bush jr. und schrieb: ",The Dark Knight' ist ein konservativer Film über den Krieg gegen den Terror, der ein Vermögen einspielt, indem er jene Werte und Notwendigkeiten darstellt, die die Bush-Administration nicht vermitteln konnte. (…) Warum werden konservative Werte, auf denen unsere Stärke beruht – Werte wie Moral, Vertrauen, Opferbereitschaft und der Kampf für das Gute – nur in fantasy- oder comicinspirierten Filmen wie der ,Herr der Ringe' oder jetzt in ,The Dark Knight' dargestellt?"
Dietmar Dath von der FAZ meint zu den Hintergründen der Superheldencharaktere: "Superman ist so, wie wir gerne wären, Batman dagegen so, wie wir sind – nur besser." Nicht das Über-Ich, sondern das triebhafte Es schreibt die besten Heldengeschichten.

Peter Iwaniewicz in FALTER 34/2008



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