Das unmoralische Geschlecht. Zur Genese der negativen Andrologie

Christoph Kucklick


"Man kann gewiss seyn, daß die Welt längst zur großen menschenleeren Wüste geworden wäre, wenn bloss Männer darauf gesetzt worden wären … Sie würden unfehlbar in Kurzem sich alle einander gemordet haben."
Nur die feminine Zähmung des brutalen Mannes könne die bürgerliche Gesellschaft retten, ist Jakob Sprengel im Jahr 1798 überzeugt – und mit dieser Meinung keineswegs allein. Beginnt doch bereits um 1800, so die zentrale These des Buchs, ein nie da gewesenes Unbehagen an der Männlichkeit um sich zu greifen. Es sind vor allem die des Feminismus unverdächtigen "bürgerlichen Meisterdenker" wie Fichte, Humboldt, Kant und Hegel, die hier vorpreschen: Der Mann sei von "Natur" aus triebhaft, gewalttätig und asozial und harre dringend der "Zivilisierung".
Für Kucklick lässt sich die Geburt der negativen Andrologie nur vor dem Hintergrund der gewaltigen Umbrüche im Übergang von der Ständegesellschaft zu einer arbeitsteilig-differenzierten Gesellschaft erklären. Das Unbehagen am Mann sei vor allem ein Unbehagen an der Moderne, die Geschlechterdebatte damit ein Stellvertreterkrieg. Und das habe, so das pointierte Fazit seiner streitbaren und trotz hoher Theoriedurchdringung gut lesbaren Studie, auch Konsequenzen für die Gegenwart: Dass die Gesellschaft automatisch eine bessere werde, nur wenn die Männer sich bessern, muss fromme Illusion bleiben.

Martina Nußbaumer in FALTER 34/2008



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