Die durchsichtigen Hände. Erzählungen


Bis zur vollständigen Verfinsterung

Xaver Bayer hat ein neues Buch geschrieben, einen weiteren dieser schmalen Jung-und-Jung-Bände, die man zu den anderen ins Regal stellen kann. Der 31-jährige Wiener, dem kürzlich der Hermann-Lenz-Preis verliehen wurde, wird gern unterschätzt, weil er keine spektakulären Plots liefert und auch stilistisch eher unaufdringlich ist. So gilt er nach wie vor ein bisschen als Geheimtipp – was sich mit seinem ersten Erzählband freilich ändern könnte.
Verändert hat sich jedenfalls Bayers Zugang: Mit der popliterarischen Blasiertheit des Debüts "Heute könnte ein glücklicher Tag sein", in dem sein Protagonist den McDonald's in Mauthausen besucht, oder mit dem rasenden Nihilismus von "Alaskastraße" haben die Texte aus "Die durchsichtigen Hände" nur mehr wenig gemeinsam. Stille Ernsthaftigkeit ist eingekehrt, mitunter vermeint man, einen jüngeren Handke zu lesen.
An kleinen, scheinbar nebensächlichen Begebenheiten spielt Bayer Grundfragen der menschlichen Exis­tenz durch – "die Rätsel des Lebens", wie es an einer Stelle von Paul Scheerbarts "Lesabéndio" heißt, die dem Buch als Motto voransteht. Da strandet einer beim "Durchhaltewettbewerb" mit Freunden, wer es am längsten im Meer aushält; da hilft einer dem anderen, die Wohnung bis zur vollständigen Verfinsterung abzudunkeln, und im kafkaesken "Samadhi" verliert einer nacheinander Gehör, Stimme, Augenlicht und schließlich sein ganzes Körpergefühl: "Das Einzige, was mir geblieben zu sein schien, war mein Ich-Bewusstsein."
Streckenweise wird es sehr existenziell, zur Auflockerung finden sich ein paar leichtere Geschichten: "Henry Kissinger und ich teilen ein Taxi" handelt genau von dem, was der Titel verspricht; in "Napoleon" wird eine his­torische Schlacht als Freizeitspaß detailgetreu nachgestellt; und einmal gerät der Protagonist, der so einiges mit dem Autor gemeinsam haben dürfte, bei einem Künstlerfest unfreiwillig ins Visier einer "Seitenblicke"-Kamera. Am Ende des Abends fehlt ihm freilich der Mut, den Kameramann zur Herausgabe der Kassette aufzufordern.

Sebastian Fasthuber in FALTER 33/2008



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