Frauen in Vasen. Prosa

Angelika Reitzer


Einweihung ins Mysterium des Obstbaus

Der tut, als wäre ich eine Dichterin, als würde das was haben. Keine Ahnung, wovon der redet." So heißt es in der Erzählung "Sonnenschirme" über einen Typen, "Journalist oder Philosoph oder was". Darin, partout kein Aufhebens von ihrer Profession zu machen, ähnelt die Autorin ihrer Figur: Unprätentiöser geht's nicht.

Angelika Reitzer ist diskret, was Persönliches, was ihre Arbeit betrifft – und überhaupt. Dass aus dem Schreiben eine Profession geworden ist, hat sie nie zu erzwingen versucht. Geschrieben hat sie "schon sehr lang", auch einiges veröffentlicht: "Ich hab aber auch andere Sachen gemacht, eine Zeitlang in einem Verlag gearbeitet." In diesem Sinn war die Publikation des Erstlings keine Existenzfrage – "obwohl es vom Selbstverständnis her schon schwierig ist, sich als Autorin zu bezeichnen, solange man auf kein Buch verweisen kann".
Das Buch, "Taghelle Gegend", erschien glücklich 2007, ein Roman oder eine Art Roman über eine junge Frau, die es aus der Provinz in eine richtige Großstadt verschlagen hat und die sich dort in einem beinah fröhlichen Provisorium häuslich einrichtet. Wobei es irreführend ist, das Buch über den Stoff zu charakterisieren, denn nicht das Berliner Milieu halbversorgter Taugenichtse, nicht das Auflodern und Verglimmen erotischer Neigungen macht seine Besonderheit aus, sondern seine Sprache, kristallin, fast beiläufig und doch voller Überraschungen.

"Taghelle Gegend" wurde viel gelobt und mit Preisen belohnt. Angelika Reitzer weiß, dass sie Glück gehabt hat. Die größte Hürde, einen Verlag zu finden, hat sie rasch genommen, dann war's erstaunlich leicht: "Es gibt das Bedürfnis, jedes Jahr neue Namen zu entdecken." Schwierig wird es für die, denen der Status der "Weltberühmtheit in der Steiermark" nicht mehr genügt. Als Frau sollte man "wenigstens vorteilhafte weibliche Kriterien erfüllen", dem Stempel "österreichische Literatur" – also schwierige Literatur (Jelinek!) – entgeht man sowieso nicht, das "wird einem bei Veranstaltungen tatsächlich vorgehalten". Ein deutscher Journalist fand, was sie macht, "wahnsinnig mutig" – ein zweischneidiges Kompliment.
So ähnlich war auch das Echo beim heurigen Bachmann-Wettbewerb. Reitzer las dort den Text "Super-8", banal gesagt: eine Geschichte über die hoffnungslose Liebe einer (verheirateten) Frau zu einem gefährlich labilen Mann. Über den Jury-Disput nach ihrer Lesung hat die Autorin sich gefreut, war sie angesichts der mangelnden Intensität mancher Diskussionen doch enttäuscht, "angenehm überrascht" hingegen von der Atmosphäre beim Lesen: "Dieses extrem aufmerksame Publikum, das Geräusch des gemeinsamen Umblätterns, das ist großartig, als würden die mithelfen."
Als "Werbefläche" hat Klagenfurt für Reitzer jedenfalls funktioniert, die Neugier auf den bald danach erschienenen Erzählband "Frauen in Vasen" war geschürt. Die Vasen, in denen Reitzers Frauen stecken, sind kommunizierende Gefäße, kein Text steht ganz für sich. Was passiert? – "Nichts, was man erzählen könnte. Die Teile zusammenbringen; es sollte doch alles, denkt Mara, durchleuchtet werden, nicht hinterfragt." Gegen den Zug der Zeit und den Zwang der Kausalität hat die Autorin einige visuelle Satzzeichen gesetzt, ein magischer Doppelpunkt etwa stellt eine Balance her zwischen Direktem und Indirektem, Vor- und Nachgereihtem. Erzählt wird hier aber sehr wohl.

"Streuobst" zum Beispiel versammelt eine Familie, eine "Frauenfamilie", quer durch die Jahre im Obstgarten der Großmutter, die ihre Enkelin in die Geheimnisse des Obstbaus einweiht (die Autorin ist hier familiär belastet): "Du sollst ja durch die Krone eines Baumes einen Hut werfen können. Dann ist er gut ausgelichtet." Doch die besten Gärtnerregeln richten nichts aus gegen den Tod, gegen das Mahlwerk der Zeit ist kein Kraut gewachsen. Zum Schluss wird gerodet, mit dem Bagger. Dieser Text "ist so dicht, da kann man keinen Hut durchwerfen", urteilte Wendelin Schmidt-Dengler, als Angelika Reitzer "Streuobst" heuer passenderweise in der Schlossgärtnerei Wartholz las.
Eine Streuobstwiese ist übrigens das Gegenteil von Monokultur. Da liegt es nahe, den Obstgarten als Bild für dieses Buch zu sehen, in dem immer wieder eine Gärtnerin auftaucht, die sich einer aussichtslosen Sache liebevoll annimmt.
"Lineare Zeit ist eine Zeit der Sieger, während die von der Geschichte Besiegten in einer Zeit der Katastrophe leben." Weil die Autorin auch ihren eigenen Sätzen nicht zu nahe treten möchte, verrät sie nur, dass dem Motto eine Bibelstelle zugrunde liegt. Meint das einen politischen Anspruch? "Das ist keine Frage der Poesie, sondern der Notwendigkeit. Ich glaube, dass Sprache ein sozialer Raum sein kann oder muss. Für mich. Weil ich keine Zen-Meisterin bin."
Auch künftig will Reitzer sich "mit der Zeit und der Wahrnehmung" beschäftigen, die Protagonistinnen werden vielleicht doch erwachsen. Sie selbst ist froh, heute in Wien zu leben: "In dieser Berliner Ungemütlichkeit kann man sich extrem gemütlich einrichten. Es gibt sehr viele Frühstücker dort, Menschen, die den ganzen Tag frühstücken." Auch Elternschaft bedeute nicht unbedingt einen Rollenwechsel: "Man trägt ja auch Kind."
Auf der letzten Seite findet sich ein Verweis auf das Buch Kohelet. Welchen Satz könnte sie gemeint haben? Irgendwie passt alles: "Ich baute Häuser, pflanzte Weinberge, ich machte mir Gärten und Lustgärten und pflanzte allerlei fruchtbare Bäume darein (...). Als ich aber ansah alle meine Werke (...), siehe, da war es alles eitel und Haschen nach dem Wind."

Daniela Strigl in FALTER 42/2008



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