Idylle mit ertrinkendem Hund

Michael Köhlmeier


Wenn der Lektor zu Besuch kommt

Nach seinem geschichtsgesättigten Jahrhundertepos "Abendland" legt Michael Köhlmeier nun einen jener schmalen Bände vor, die schon zu seiner Trademark geworden zu sein schienen. Aufwendige Recherchen waren für "Idylle mit ertrinkendem Hund" wohl keine nötig, im Ich-Erzähler können wir unschwer den Autor selbst erkennen, auch dessen Frau, die Schriftstellerin Monika Helfer, und deren Kinder werden beim Namen genannt, und das gemeinsame Haus in Hohenems wird schon so aussehen wie beschrieben.
In dieses durchaus nicht bloß idyllische, sondern von Schlaflosigkeit, hypochondrischen Ängsten und Gedanken an die tödlich verunglückte Tochter Paula geprägte Dasein platzt im schneereichen Winter 2006 der Lektor des Protagonisten und sorgt – trotz Problemen, die man mit dem ungewohnten, aber nicht mehr rückgängig zu machenden Duwort hat – für einige nicht ganz unbizarre Momente: "Es war noch keine zwanzig Minuten her, dass ich mir den Kopf zerbrochen hatte, wie wir uns mit diesem Mann im Privaten überhaupt unterhalten sollten – und nun tanzte er und sang."
Das alles wird recht beiläufig erzählt, und doch ist die Geschichte, die einen ausgeprägt novellistischen Zug aufweist, auf eigenartige Weise vertrackt. Berührend und unaufdringlich bekenntnishaft handelt sie von ganz persönlichen Ängsten und Wünschen und ist doch auch – bei aller Theorie­aversion, die sich der Autor selbst in den Mund legt – eine Reflexion über die Schnittstelle von Literatur und Leben, über die Intimität des Schreibens, bzw. mehr noch: des Erzählens. Am Schluss wird der Autor – im richtigen Leben – auf dramatische Weise für den Lektor eingesprungen und mit knapper Not dem Tod entgangen sein. Dass sich die Wege der beiden danach trennen, ist einerseits verständlich, andererseits auch keine Pointe, die alles davor Erzählte schlagartig erhellen würde. Ganz ohne Geheimniskrämerei bleibt der Rest eines Geheimnisses, der "Idylle mit ertrinkendem Hund" zu mehr macht als einer routiniert geschriebenen Petitesse, die man so kurz nach dem Opus magnum vielleicht erwartet hätte.

Klaus Nüchtern in FALTER 33/2008



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