Kreuzungen.

Marlene Streeruwitz


Peter Rosegger und Marlene Stree­ruwitz – eine größere Antithese ist nur schwer denkbar. Auf der einen Seite der konservative Patriarch, der Dichter der steirischen Schlichtheit, der sich auch deutschnational positionierte und zu einem Antisemitismus bekannte, der "den Menschen schont". Und auf der anderen die Autorin, die es in ihren Stücken, Essays und Romanen wie keine andere versteht, Strukturen männlicher Herrschaft bloßzulegen und zu kritisieren.
Das Gespräch mit der Autorin, die diese Woche den Peter-Rosegger-Preis 2008 des Landes Steiermark, den zweithöchst dotierten Literaturpreis Österreichs, in Empfang nimmt, fand im zeitlosen Ambiente des Cafés "Wilder Mann" in der Wiener Währingerstraße statt.

Falter: Thomas Bernhard hat sich in "Meine Preise" zum Skeptiker von Literaturpreisen stilisiert, die er am Ende aber doch gerne angenommen hat ...
Marlene Streeruwitz: Warum hat er sie genommen?
Weil er das Geld gebraucht hat.
Streeruwitz: Na gut, das Geld. Thomas Bernhard hat wahrscheinlich gedacht, er bestraft die Institutionen dadurch. So etwas hat man ja damals noch geglaubt.
Freuen Sie sich über Preise?
Streeruwitz: Natürlich freut's einen. Dieser Preis kommt aber auch noch mit der schönsten Begründung der Jury. Es ist ein Vergnügen, diesen Preis anzunehmen. Wichtig sind Preise heute, weil sich Kultur nur noch über den Erhalt solcher Strukturen weiterbewegen kann. Dass sich die politischen Institutionen mit Kultur beschäftigen müssen, ist absolut unerlässlich, dass sich eine Jury zusammensetzt, um zu beraten, dass es Preisverleihungen gibt. Das ist alles Kultur. Es geht um die Frage, ob es noch irgendeine Form von Ausdruck unseres spezifischen Jetzt gibt. Das ist eine Überlebensfrage. Vor 15 Jahren wäre das vielleicht anders gewesen.
Warum?
Streeruwitz: Weil sich in den letzten 15 Jahren die Welt um 540 Grad gedreht hat. Es gibt heute keine Ausrede mehr, die Öffentlichkeit nicht zu verpflichten, sich mit Kultur zu beschäftigen.
Aber sind das nicht sehr kleine Zirkel, die sich damit beschäftigen?
Streeruwitz: Naja, wenn Sie hier gleich den Anspruch auf die totale Demokratie stellen, in einer Zeit, die überhaupt ums Überleben einer Erinnerung an Demokratie kämpft, die wir noch gar nicht hatten, dann kann man immer etwas kritisieren. Wir leben in einer wirklich bedrängten Zeit. Uns wird gesagt werden, dass die Arbeitslosigkeit die des Jahres 1929 fast erreicht hat und dass man deswegen bei der Kultur streichen muss. Das aber wird dazu führen, dass die Sprachlosigkeit einer Gesellschaft noch einmal erhöht wird. Deswegen geht es darum, die Sprechfähigkeit zu erhalten. Ich sehe da gar keine Möglichkeit mehr für Zynismen oder launische Ironien. Diese Krise wird ganz automatisch für alle Formen von Gleichschaltung benutzt werden.
2004 hatten Sie den Badener Kulturpreis abgelehnt. Wann ist ein Preis inkorrekt?
Streeruwitz: Wenn ich direkt in einen parteipolitischen Zusammenhang gezerrt werde. Es geht doch so: Ein Preis ist ein Geben und Nehmen. Es ist genauso mein symbolisches Kapital angefragt, wie auf der anderen Seite die steirische Landesregierung das Geld hergibt. Es ist ein Austausch, eine Kommunikation, die wiederum in Kulturleistung zurückverwandelt wird.
Sie werden das Geld nicht wie Thomas Bernhard für einen weißen Triumph Herald mit roten Ledersitzen verwenden?
Streeruwitz: Ganz der Kleinrebell, wusste Bernhard natürlich, wofür er das Geld ausgibt. Ich habe mit dem Preisgeld meine Steuernachzahlung bezahlt. Preise ergeben, dass ich besser schlafe, ich kann deshalb besser schreiben. So einfach ist das. Und die steirische Landesregierung hat eine ernst zu nehmenden Preisverleihung ausgerichtet, es gibt eine wunderbare Laudatio, die sich intensiv mit der Frage von Literatur und Heute beschäftigen wird.
Konnten Sie da mitbestimmen?
Streeruwitz: Ja, das muss schon stimmen. Es gibt aber weiterhin entwürdigende Vorgänge um die Verleihung, etwa dass die Juroren nichts für ihre Arbeit bekommen. Es ist die alte Geschichte, dass die Gesellschaft dafür bezahlen muss, dass sie kritisiert wird. Sonst weiß sie gar nicht, was sie ist und was sie tut. Das aber ist die Kultur, die gerade wieder sehr in Frage steht. Nach den Zerstörungen durch die neoliberale Globalisierung ist da alles ruiniert.
Peter Rosegger, der Patron des Preises, hat die Zeiten relativ unbeschädigt überstanden. Haben Sie Rosegger gelesen?
Streeruwitz: Na, Entschuldigung, wir wurden doch in der Schule mit Rosegger konfrontiert.
Macht es noch Sinn, Rosegger zu lesen?
Streeruwitz: So etwas macht immer Sinn, wenn man oder frau bereit ist, sich damit auseinanderzusetzen, wie sich das Geschriebene mit der realen Welt der damaligen Zeit vergleicht. Wenn also wie bei Berthold Auerbach, dem Erfinder der Dorfgeschichte, der Antisemitismus ausgelassen wird, ist das ein Dienst für das Falsche. Und Rosegger beschreibt einen Ausschnitt Ende des 19. Jahrhunderts. Dass das zur Deutungsmacht des Steirischen geworden ist, kann man dem Autor nicht vorwerfen, kann aber sagen, dass er sich gut dafür hergibt. Denn das Flüchten in die Landschaft ist ein Baustein des Völkischen, und eine Landschaft ohne Juden ist eine, in der man gut zum Nazi werden kann. Das ist die Lüge, an der Rosegger beteiligt war. Anders als Leopold von Sacher-Masoch, der auch in der Steiermark gelebt hat.
Man könnte den Preis ja in Sacher-Masoch-Preis umbenennen.
Streeruwitz: Na, dann machen Sie doch mal die Arbeit, ich unterstütze das sehr. Dann wäre einmal auch das Sexuelle nicht in die Verdrängung verschoben.
Der Begriff "Heimat" hat, gerade in der Politik, immer Hochkonjunktur. Warum?
Streeruwitz: Weil "Heimat" ein unglaublich aufgeladener Begriff ist, der sich benutzen lässt, um auf Tiefenschichten der Entschlüsselung zurückzugreifen, in denen ganz basale Emotionen angesprochen werden: Versorgung. Es ist warm. Es ist genug Essen da. Mit dem Begriff "Heimat" wird die Bedrohung aber erst behauptet. Es wird nicht reflektiert, ja, die Reflexion wird durch diesen Begriff unmöglich gemacht, dass wir gar nicht in einer derart bedrohten Situation sind.
Ist ein kritischerer Begriff wiederzugewinnen oder ist er für immer gestorben?
Streeruwitz: Ich würde ihn einmal für zehn Jahre aussetzen. Auch Worte würde ich nicht umbringen.
Es gibt noch mehr Worte dieser Kategorie ...
Streeruwitz: Ja, wir haben schreckliche Erbschaften. "Lebensraum" etwa. Das wird in Österreich intensiv und wissenschaftlich affirmiert verwendet. Ein unglaublicher Begriff, der den Nazis als Grund für die Beseitigung der Slawen diente.
"Volk"?
Streeruwitz: Das ist sicher ein Begriff, der mühselig ist. Im politischen Sinn bin ich aber auch Volk, in der völkischen Bedeutung natürlich nicht. Lebensraum, Heimat, Volk: Da hätten wir schon eine schöne Trias der Schrecklichkeiten.
Es werden ordentliche Lücken im Österreichischen Wörterbuch entstehen.
Streeruwitz: Aber darum geht es eigentlich. Meine Arbeit beschäftigt sich nur damit, diese Lücken herzustellen, zu beschreiben und durchzuhalten.
In "Kreuzungen.", Ihrem letzten Buch, aber tendenziell weniger. Warum?
Streeruwitz: Das hat sicher mit dem Gegenstand und der Hauptfigur zu tun.
Die erstmals ein Mann ist.
Streeruwitz: Ja, eine hegemoniale Person, die sich dann als Mann darstellt. Anders als die Hauptfigur in "Verführungen." ist dieser Mann nicht bedroht. Außer durch Selbstzerstörung. Er kann machen, was er will, er hat seine Millionen. Er kann sich bewegen. Und das wird immer stärker zur Frage: Können wir uns bewegen oder werden wir bewegt?
Eine besonders optimistische Haltung nehmen Sie da vermutlich nicht ein, oder?
Streeruwitz: Ich glaube, dass es fast nur auf philosophischer Ebene möglich ist. Wir haben gelernt, unserer Desorganisierung – es ist ja keine Unterdrückung im klassischen Sinn – gut zuzustimmen. Ich kann mich gar nicht mehr organisieren. Ich weiß nicht mehr, wie und wo das Leben stattfindet. Kann das gar nicht mehr wissen. Die Zurückeroberung der Wahrnehmung wäre dann ein philosophischer Vorgang.
Im EU-Wahlkampf scheint das noch nicht geklappt zu haben. Haben Sie den als besonders schlimm empfunden?
Streeruwitz: Es steigert sich. Aber es ist immer dasselbe, das sich steigert. Ein fortlaufendes Sich-Festfahren. Ähnlich diesen Riesen-Trucks in den USA, die durch den Schlamm fahren und sich immer tiefer hineingraben. Bis sie sich dann mit einem Salto befreien. Es gibt von keiner Seite den Versuch, unsere Zeit zu begreifen.
Dafür gibt es Hans-Peter Martin ...
Streeruwitz: Der verkörpert den Rest der Monarchie, den guten Fürsprecher beim Herrn. Hans-Peter Martin ist Kaiser Franz Joseph. So ein Kaiser müsste heute ein Ombudsmann sein, theologisch haben sich Kaiser auch als Mittler zwischen Volk, Gott und der Kirche verstanden. Jetzt wird eben im EU-Parlament vermittelt.
Ist Martin dafür nicht zu EU-skeptisch?
Streeruwitz: Katholizismus ist ja nicht reine Unterwerfung. Sie haben doch die "Freiheit", sich zu entscheiden, und dann führt Gott Sie ans Licht, den richtigen Weg müssen Sie also selbst bestimmen. Die Befreiung ist jedenfalls nicht so einfach, wie sich H.C. Strache das vorstellt, der einfach das Kreuz hinhält und weitergeht.
Als zweiter Wahlsieger gilt die "Krone". Ist das die Zeitung, die Österreich verdient?
Streeruwitz: Das ist die Konkurrenz zum Kaiser Franz Joseph. Diese benevolente Verteidigung, damit wir es alle schön haben, dieses total paternalistische Denken: Einer wüsste, was richtig ist, und überlässt die Entscheidungen den Kindern nicht, weil sie so dumm sind. Wahrscheinlich haben wir es mit verschiedenen Lebensaltern von Franz Joseph zu tun. 1869 bis 1875: Martin. 1888 bis zum Ende: Dichand. Und die Lüge ist, dass sie keine Bärte tragen. Und dass die Gemeinde Wien versucht, durch Musicals von der wahren Geschichte des Herrscherhauses abzulenken.
Wie meinen Sie das?
Streeruwitz: Das sind alles Personen, die sich selbst in die Geschichte hineinadoptieren. Dichand adoptiert sich selber als Kaiserenkel. Ein ungeheurer Schaden an unserer Gesellschaft! Alle Orden abnehmen! Ich würde verschiedenen Leuten alle Orden abnehmen: Antel als Praktikant einer ansexualisierten Heimat, der Softporno und Heimat verknüpft hat. Und Dichand für die Verhinderung von Demokratie.
Im Protest gegen den EU-Vertrag von Lissabon fanden Sie sich 2007 unversehens auf derselben Seite wie die Kronen Zeitung. Damals meinten Sie, man müsse neue Formen des Widerstands überlegen. Geht heute so etwas wie die für diese Woche geplante "Lichterkette" um das Parlament noch?
Streeruwitz: Die Missachtung der politischen Äußerungen der Demonstrationen seit dem Jahr 2000, sie totzuschweigen, hat eine weitere Zerstörung bewirkt, ein Verhindern von Demokratie. Deswegen: auch Schüssel alle Orden abnehmen. Was uns dieser Kanzler beigebracht hat: Dass wir nicht einmal da sind. Es ist eine schmerzlose Auslöschung, die stattgefunden hat. Und als der Lissabon-Protest nicht einmal an der Seite der Krone funktioniert hat, dachte ich mir, das ist nun wirklich der Beweis, dass wir alle gar nicht existieren und das Parlament eine in sich geschlossene Wunderwelt der Gruppendynamik ist. Es ist alles so kaputt, dass ich Demonstrationen mittlerweile für sinnlos halte.
Sie haben zuletzt auch den Rücktritt des dritten Parlamentspräsidenten Martin Graf unterstützt. Warum darf er bleiben?
Streeruwitz: Wir haben keine Stimme gegenüber dem Parlament. Wir leben in einer Parlamentsdiktatur.
Ist das nicht zu hart formuliert?
Streeruwitz: Der Diktator hat kein Begehren zu wissen, mit wem er es zu tun hat, um beherrschen zu können. Das Gleiche passiert hier. Unbehagen, Widerstand, moralische Bedenken, ethische Einsprüche – nichts wird gehört, nichts kommt an.
Die Grünen, am Ende auch die SPÖ hatten sich aber sehr wohl gegen Graf positioniert.
Streeruwitz: Aber das ist doch ein Herumgemurkse. Der Sachverhalt ist eindeutig, niemand bestreitet das. Warum kann es dann keine Aktion geben?
Sie sagen "Parlamentsdiktatur", Strache hat im Wahlkampf wiederholt gesagt, die eigentlichen Nazis seien die Linken. Ist es nicht Zeit, sprachlich zu deeskalieren?
Streeruwitz: Ja, das wäre doch schön. Aber ich würde den Parlamentariern etwas ganz anderes verschreiben: dass sie alle Gesetze, die sie beschließen, theatral spielen müssen. Um die Geschichten in den Gesetzen aufzuspüren und darin auch die Sprache zu finden, mit der die Welt beschrieben werden kann. In der österreichischen Geschichte gibt es keinen Zeitpunkt, auf den zurückgegriffen werden kann. Keine Magna Charta, keine Verfassung wie die der Vereinigten Staaten. Kein Punkt, wo einmal, wenn auch nur für einen kurzen Augenblick, alles im Reinen war. Demokratie war immer von oben verschrieben, ist immer unter Außendruck entstanden, war nie eine freiwillige Entscheidung. Mit Ausnahme des EU-Beitritts. Wie aber soll Demokratie mit einer Sprache gesprochen werden, wie sie hierzulande üblich geworden ist?

Thomas Wolkinger in FALTER 25/2009



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