Wille und Gehirn

Hans H Kornhuber, Lüder Deecke


Die These von der Willensunfähigkeit und der daraus resultierenden Nichtverantwortlichkeit des Menschen ist nicht nur in den Medien, sondern auch in Teilen der Justiz und der Wissenschaft in Mode. Gegen diese Strömung wenden sich zwei Pioniere der neurophysiologischen Willensforschung mit dem Versuch, eine neurobiologische, psychologische und philosophisch-kulturtheoretische Theorie vorzulegen. Die moderne Willensfeindschaft beruht ihnen zufolge auf einem theologisch missverstandenen Naturbegriff. Sie versuchen darzustellen, auf welche Weise die verschiedenen Hirnregionen bei der Entscheidungsfindung und anderen willensgesteuerten Prozessen zusammenarbeiten, die die Grundlage der menschlichen Freiheit bilden. Freiheit definieren sie nicht als gesicherten, sondern dynamischen Prozess, bei dem der Kausalzusammenhang der Triebe vom Finalstreben des Willens überformt wird – als vernünftige Selbstführung, die auf einer komplexen, umfassenden Hirnfunktion beruht und ihr Substrat im Frontalhirn hat: Die Evolution des kreativen und disziplinierten Willenscortex ist der entscheidende Schritt zum Homo sapiens sapiens.
Nicht unbedingt für Laien geschrieben, aber durchsichtig argumentiert, vermag das Bändchen Klarheit über Theorien und Erkenntnisse zu verschaffen, die offenbar über weniger Sexappeal verfügen als das Gerede von Determinierung und der Unschuld der Täter.

Kirstin Breitenfellner in FALTER 32/2008



ANZEIGE


FALTER abonnieren
×