Allein unter 1,3 Milliarden. Eine chinesische Reise von Shanghai bis Kathmandu

Christian Y. Schmidt


China-Roadmovie

Ein Kolumnist fährt durch China. Christian Y. Schmidt ist im Reich der Mitte mehr als nur Tourist. Mit einer Chinesin verheiratet, lebt er seit einigen Jahren in Peking. Von dort liefert der freie Journalist regelmäßig seine Spalte "Bliefe von dlüben" ans Satiremagazin Titanic. Chinesisch spricht der deutsche Autor aber kaum – und vom Land abseits der Hauptstadt hat er wenig gesehen. Das soll sich nun ändern.
Zuerst geht es nach Schanghai. Dort beginnt die Nationalstraße 318. Die "chinesische Route 66" führt vom ostchinesischen Meer nach Wes­ten, über weite Strecken den Jangtse entlang über Chongqing und Sichouan nach Tibet und schließlich nach Nepal. Die Strecke ist auch ein Weg von heute nach gestern – von den mondänen Städten der Ostküs­te zu den ruralen Gebieten im Hinterland. Auf diesen fast 5400 Kilometer China will Schmidt "selbst ein Chinese werden, wenigstens ein bisschen". Heiteres Scheitern ist vorprogrammiert.
"Allein unter 1,3 Milliarden" überzeugt durch Bescheidenheit, ehrliche Tollpatschigkeit und kunstvolle Naivität. Die Selbstironie, mit der Schmidt seine Hoppalas eingesteht, wirkt an manchen Stellen allerdings etwas kokett. Sein Anspruch ist weniger, China zu erfassen, als seine Eindrücke aufzuzeichnen: "Ich jedenfalls finde diese Straße so abscheulich, dass ich aus Protest auch nicht in den benachbarten Tempel gehe", lässt uns der Reisende etwa aus Chengdu, der Hauptstadt Sichuans, wissen. Wenn er dann aber über die Leidenswege chinesischer Dichter philosophiert, über ein zum Erholungspark umfunktioniertes Industriegelände stolpert oder seinem ersten Yak begegnet, bekommt man dennoch viel von China mit. Die vielfältigen Gesichter, die ihm das Land des Lächelns zeigt, fügen sich zu einem impressionistischen Bild des Riesenreichs.
Schnell wurde das Buch geschrieben – und ist daher aktuell. Die Aufnahmen stammen aus 2007, allerorts sind Vorbereitungen für Olympia im Gange. Die Sprache fließt. Reiseerlebnisse formen sich in einfachen Sätzen zu bunten Bildern, über die man oft auch lachen kann. Ob Schmidt nun ein Chinese geworden ist oder nicht – über die Idee, den Leser an seinem Versuch teilhaben zu lassen, muss man jedenfalls froh sein.

Andreas Kremla in FALTER 32/2008



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