Wiens grüne Arena, der Prater

Peter Sehnal, ORF "Universum", Naturhistorisches Museum Wien


Herr der Fliegen

Tiere sehen ihn an. Ein Foto von Karnickel Leopold dient als Bildschirmschoner, ein Hirschhornkäfer reckt seine Glieder auf der Mattscheibe; ein grünes Reptil aus Plastik pickt reglos an der Glasscheibe des Bücherschranks. Auf dem T-Shirt von Peter Sehnal tummeln sich Frösche. Sehnals Büro, Zweite Zoologische Abteilung, Naturhistorisches Museum, ist ein mit Büchern und Kuriosa vollgestopfter, winziger Raum mit großem Schreibtisch und Mikroskopierplatz. In der weitläufigen Halle nebenan lagern, säuberlich auf Nadeln gespießt und verstaut in Schubladen, Millionen von Fliegen und Mücken. Der Insektenfachmann liebt es, einzelne Fächer zu öffnen, die erstarrten Chitinpanzer der Kleinstlebewesen zu betrachten, die Kreatur zu beäugen.
Seit 2004 betreut der Naturforscher, der im Habitus eher einem kalifornischen Surfer als einem Experten für schwirrende Quälgeister ähnelt, die Sammlung der Zweiflügler im Museum. Er ist, grob vereinfacht, der Herr der Fliegen; offiziell, so steht es auf seiner Visitkarte, bekleidet er das Amt "Sammlungsleiter Diptera". Der Karriereweg verlief keineswegs geradlinig: Nach einer Ausbildung zum Koch arbeitete Sehnal, Jahrgang 1959, als Fachberater für Milchprodukte. Nebenher interessierte er sich für "alles, was mit Biologie zu tun hat: Seit ich zurückdenken kann, bin ich allem hinterher, was da kreucht und fleucht." Das Biologiestudium brach der Praktiker schon bald zugunsten der freien Mitarbeit in jener Abteilung ab, der er inzwischen vorsteht.
"Sehnal, Peter", so meldet sich der Kurator am Telefon, eine Ausnahme in der Hochburg der Titelbezeichnung. Er sitzt auch nicht gravitätisch in seinem Chefsessel, sondern springt unentwegt auf, macht sich auf die Suche nach Forschungsarbeiten, Fotos, Foldern. Aus einem Schrank holt er drei zusammengeheftete Papiere, den Beleg seiner kleinen wissenschaftlichen Unsterblichkeit: Vor etwas mehr als zehn Jahren spürte Sehnal im Zuge einer Insektensammelreise auf Costa Rica eine in der Forschung bis dato nicht belegte Wanzenart auf – das Krabbeltier aus Zentralamerika trägt seit damals den Namen seines Wiener Entdeckers: Rhagovelia sehnali. Mit dem Sammeln und Dokumentieren der Raupenfliege, hierzulande zumeist als Störenfried verunglimpft, ist der Fliegenforscher derzeit beschäftigt. Daneben hält er Vorträge – "Auf der Suche nach Spinnen, Reptilien, Amphibien und Vögeln" – und wirkte als wissenschaftlicher Berater an diversen "Universum"-Folgen mit.
Ein seit Jahrzehnten gern aufgesuchtes Terrain von Peter Sehnal ist der Prater. Der Fauna- und Florafachmann, der mitunter, in Akten von Notwehr, selbst zur Fliegenklatsche greift, wuchs am Rand des Grünareals auf, wo er heute wieder lebt. In Sehnals wissenschaftlicher Arbeit hat der Prater Spuren hinterlassen: 1990 beschäftigte er sich etwa mit der rückläufigen Bestandsentwicklung von Lurchen und Kriechtieren, von Rotbauchunke, Knoblauchkröte, Laubfrosch, Schlingnatter.
Auf die Spur von Schwarzspecht, Biber und Eisvogel hat sich Sehnal für sein jüngstes Projekt geheftet: "Wiens grüne Arena, der Prater" hat der Naturkundler und Hobbyfotograf seine kürzlich publizierte Dokumentation des Grüngebiets überschrieben. Neben eher erwartbaren Standards der Prater-Berichterstattung (Riesenrad bei Nacht; Rauch aus dem Schlot der Liliputbahn) präsentiert Sehnal über 20 Wander- und Entdeckungsrouten durch das Areal – und fördert selbst für Prater-Kenner Überraschendes zutage: Beim Krebsenwasser ist etwa ein Stock im Eisen zu entdecken, ein mit eingeschlagenen Nägeln und anderen Metallteilen übersäter Baum. Die Steinfiguren nahe am Dammhaufen waren einst Teil eines ausufernden Marien- und Heiligenbildensembles. Auch Sehnal spürte im Zuge der Buchrecherchen für seine Begriffe Spektakuläres auf: "An bestimmten Stellen blühen Wildtulpen. Es gibt ausgesetzte Zierschildkröten, die hier leben, und den Großen Pappelbock mit seinen langen fadenförmigen Fühlern!" Als tiefergehenden Kommentar dazu zitiert Sehnal im Vorwort einen Klassiker, Emanuel Witlaczils "Praterbuch", erschienen 1897: "Der Prater bietet dem Naturfreund heute wohl nicht mehr das, was er ihm noch vor wenigen Jahren geboten hat […]. In der üppigen Wildnis war das Thierleben ein viel Regeres als heute, und die Gewässer waren noch von zahlreichen Sumpf- und Schwimmvögeln bevölkert."

Wolfgang Paterno in FALTER 32/2008



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