Gatterbauerzwei oder Europa überleben

Max Blaeulich


Neger in Lederhosen

"Gestatten, Professor Stackler, Physiologe." Der Mann, der trotz seiner überschaubaren 1,60 Körpergroße im flotten Schritt stets zwei bis drei Stufen auf einmal zu nehmen pflegt, ist seiner Zeit voraus. Bereits im Vorfeld des Ersten Weltkriegs unternimmt er im Rahmen einer Uganda-Expedition Untersuchungen über die Physiologie der "Neger" in Ostafrika, vermisst wie besessen Körperteile und zapft Körperflüssigkeiten ab. Er versteht sich als Mann der Wissenschaft, doch sind seine Rassenforschungen von Anfang an darauf angelegt, die Überlegenheit der "weißen Rasse" zu demonstrieren – zu der er selbstverständlich die Juden nicht zählt.
Aus Uganda bringen Stackler und seine Expeditionskollegen – der auf Souvenirs erpichte Baulöwe Krumpke, der Präparator Kranich und der Filmemacher Weiss – zwei groß gewachsene Sklaven mit nach Österreich. Krumpke tauft den seinen in Anspielung an seinen Hausdiener Gatterbauerzwei und erträumt ihn sich als dessen exotischen Assistenten. Stackler gibt dem Begriff Träger eine neue Bedeutung und lässt sich von dem seinen, den er Kilimandscharo zweimeteracht nennt und mit Tirolerhut, Trachtenanzug und Lederhosen ausstaffiert, auf den Schultern durch Wien tragen.
Während in Afrika von den Kolonialherren wild Grenzlinien gezogen, um bald darauf wieder umgezeichnet zu werden, verlieren die österreichischen Herren schnell das Interesse an ihren menschlichen Spielzeugen. Gatterbauerzwei darf noch eine Weile in einem Café die Toiletten putzen, ehe er eines Nachts verschwindet. Kilimandscharo laboriert an Heimweh und Melancholie und geht jämmerlich zugrunde. Für Stackler lediglich ein weiterer Beweis für die Minderwertigkeit der Afrikaner. Gatterbauzwei lebt jedoch, ihm ist die Flucht aus dem verhassten Österreich gelungen. Statt nach Uganda zurückzufinden, strandet er allerdings zunächst bei einer Gruppe von Säufer in Ungarn. Von Hass getrieben, landet er schließlich in der französischen Fremdenlegion und erwirbt sich dort unter seinen Schicksalsgenossen einen Ruf als unerbittlicher Kämpfer.
Man sieht schon: In Max Blaeulichs Romantrilogie, die 2005 mit dem Buch "Kilimandscharo zweimeteracht" in Afrika begann, 2006 mit "Gatterbauerzwei oder Europa überleben" im Europa des Ersten Weltkriegs fortgesetzt wurde und nun mit "Stackler oder Die Maschinerie der Nacht" im Zweiten Weltkrieg ihren Abschluss findet, geht es nicht um Liebe, Verständnis oder andere hehre Empfindungen. Der bislang unter Wert gehandelte Salzburger Autor wühlt hingebungsvoll im Dreck des 20. Jahrhunderts. Und das Herz der Finsternis, um das seine drei his­torisch fundieren Fiktionen kreisen, verortet er nicht in Afrika, sondern schlägt gleichsam in der Brust der selbsternannten Herrenrasse.
Der Österreicher, lässt Blaeulich seinen Stackler in den 1920ern über die Zukunft dozieren, habe bislang lediglich "Mausrigkeit" erreicht. "Am liebsten wäre die Maus eine dicke, fette, schlaue Ratte. Doch die Maus traut sich eine Ratte nicht wirklich zu, wie sie zu feige ist, rücksichtslos zu sein wie eine Ratte. (...) Und genau das wird sich im Reich ändern. (...) Der Österreicher muss zur Ratte werden, wenn er überleben will, die Intelligenz dazu hat er."

In "Stackler oder Die Maschinerie der Nacht", dem soeben erschienenen letzten Roman der Trilogie befinden wir uns folgerichtig am Vorabend des Zweiten Weltkriegs. Der Professor sorgt dafür, dass ein Kind, das nach einer Affäre mit einer Assis­stentin behindert zur Welt gekommen ist, getreu den Euthansiegesetzen im Dritten Reich ermordet wird. Gatterbauerzwei heuert ein zweites Mal bei der Fremdenlegion an, gerät in deutsche Gefangenschaft und wird als Versuchsobjekt nach Wien verschickt. Noch einmal begegnet er Stackler, und er entpuppt sich als der Stärkere: "Warum bringen Sie mich nicht um? (...) Ich habe dem Tod so oft in die Augen geblickt, ich habe viel zu viel gesehen, um vor Ihnen oder vor dem Tod noch Angst zu haben."
Freilich: Einer wie Stackler lässt sich auch von solchen Worten nicht aus dem Konzept bringen. Er bastelt schon an seiner Nachkriegskarriere. Blaeulich ist es trotz einiger formaler Holprigkeiten gelungen, was auch Jonathan Littell mit den "Wohlgesinnten" vorgeschwebt sein mag: das Böse sichtbar zu machen.

Sebastian Fasthuber in FALTER 32/2008



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