No Limit. Wie viel Doping verträgt die Gesellschaft

Ines Geipel


Gift in den Rekorden

Warum fürchtet China den Dalai Lama und nicht Ines Geipel?", fragte kürzlich der Philosoph Peter Sloterdijk. Geipel ist zwar kein furchterregendes, aber ein seltenes Exemplar. In den 1980er-Jahren war sie Weltklasse-Sprinterin der DDR. Heute ist sie erfolgreiche Schriftstellerin und Professorin für Schauspielkunst in Berlin. Ihre Sportkarriere verlief DDR-typisch: Trainer gaben ihr bunte Pillen zum Schlucken, ohne Aufklärung, dass es sich dabei um Steroide und andere Dopingmittel handelte. Erfolgreich war das Ganze. Der Weltrekord für Vereinsteams im 4-Mal-100-Meter-Sprint, an dem Geipel beteiligt war, ist bis heute gültig. Im Jahr 2000 war Geipel Nebenklägerin im größten Dopingprozess gegen das DDR-Staatsdoping. Seither schreibt sie nicht nur literarische Texte, sondern hat sich auch zur Dopingexpertin entwickelt. Zuletzt veröffentlichte sie das Buch "No Limit. Wie viel Doping verträgt die Gesellschaft", für das sie anlässlich der Olympischen Spiele auch in China recherchiert hat. 2006 veranlasste sie den Deutschen Leichtathletikverband, ihren Namen aus den Rekordlisten zu streichen.

Falter: Frau Geipel, ist es eigentlich einfach, einen Weltrekord zurückzugeben?
Ines Geipel: (lacht) Nein. Der Rekord steht weiter in den Rekordbüchern, jetzt allerdings nur noch mit drei Läuferinnen, und statt mir gibt's ein Sternchen. Der Leichtathletikverband sperrte sich gegen die Streichung, auch meine Staffelkolleginnen. Deren Position kann ich zwar psychologisch verstehen, aber nach dem Berliner Dopingprozess war klar, dass Schluss sein musste mit all dem alten Gift in den Rekorden. In der deutschen Leichtathletik gibt es an die 140 solche vergiftete Rekorde. Alle Akten dafür liegen auf dem Tisch. Gutachten sagen, man kann sie streichen. Aber nichts geschieht. Na, und ich kriege ja vom Verband sowieso keine Antwort mehr.
Warum ist das so, wovor fürchten sich die Sportfunktionäre?
Die Streichung dieser Giftrekorde würde eine Imagekorrektur bedeuten. All die Stars weg, die Rekorde null und nichtig? Das sieht schon blöd aus. Darüber hinaus hat der Verband aber Angst vor den Klagen der ostdeutschen Altstars. Und dann ist da noch jenes prekäre Klima im Sport selbst. Es gibt viele dopingsozialisierte Leute in den Verbänden: ehemalige Athleten und Funktionäre, die sowieso nur eins kennen: Siege und Stars. Und die kriegt man nicht ohne Doping.
Sie waren eine von tausenden DDR-Athletinnen, die Zwangsdoping ausgesetzt waren. Wie lief das konkret ab?
Sehr unterschiedlich. Ich habe Akten gelesen von neunjährigen Schwimmern, denen man am Beckenrand Steroidpillen verabreicht hat. Ich selbst war kein klassischer Fall, bin erst ziemlich spät, mit 17 Jahren, zum Sport gekommen. Ich hatte überhaupt keine Idee, dass es da um Doping gehen könnte, weiß aber mittlerweile aus meinen Akten, dass sofort mit Beginn des Trainings damit begonnen wurde. Von Seiten des Arztes hieß es: Du bist spät dran, musst schnell an die Spitze und bist würdig für unser medizinisches Programm. Jede Athletin hatte natürlich irgendetwas: Eisenmangel, fehlendes Kalzium, was weiß ich. Das war auch etwas DDR-Spezifisches, es gab kein Obst, keine Vitamine. Und so lautete die Legende: Ihr schwitzt viel, also müsst ihr das, was fehlt, auf anderem Weg zu euch nehmen.
Sie ziehen Parallelen zwischen der DDR und China und glauben, dass Doping in Peking einen neuen Höhepunkt erreichen wird. Warum?
Nach den Dopingskandalen im chinesischen Sport in den 90er-Jahren wollte man sich vor den Pekinger Spielen natürlich von diesem schlechten Image befreien. Deshalb wurde viel in Antidoping-Technik und -Infrastruktur investiert. Nach außen hin sieht das auch ganz passabel aus. Auf dem Olympiagelände etwa steht das größte und modernste Dopinglabor. Bei genauerem Hinsehen aber ist das Ganze eine absolute Farce, vor allem in den Provinzen. In den normalen Apotheken gegenüber den Sporteliteschulen können sie noch immer problemlos Dopingmittel ohne Rezept kaufen. Zu den Militärbasen, auf denen viele chinesische Olympioniken trainieren, hat kein internationaler Tester Zutritt. Markt und Erforschung von Wachstumshormonen, Myostatinblockern, Steroiden laufen in China völlig unreguliert, die Genforschung ist auf hohem Stand und das Menschenbild basiert noch immer sehr auf dem sowjetischen, wo der Einzelne im Grunde nichts zählt. Wenn man das summiert, ist die ganze Propaganda um die "saubersten Spiele" völlig absurd.
Wie viele der Olympiasieger werden nicht gedopt sein?
Das dürfte von den Sportarten abhängen. Vielleicht noch jemand in der rhythmischen Gymnastik? Bei den traditionellen Olympia-Sportarten wie Leichtathletik oder Rudern hätte ich da so meine Zweifel, vor allem, da das Testprogramm für Peking völlig gegenstandslos ist. Das ist Beschiss am Fan. Die Substanzen, die zurzeit en vogue sind, hat noch kein Labor gesehen. Australische Experten sprechen für Peking von über 100 neuen Substanzen allein bei konventionellem Doping. Die Labore hinken der Realität derart hinterher, dass man sich schon fragen muss, auf welcher Seite sie eigentlich stehen.
Wie sinnvoll ist es überhaupt noch, etwas gegen Doping zu machen?
Seit Jahren gibt es nur das immer neue Austarieren von Dopern und Antidopern. Das ist der falsche Weg, da es nichts verändert, sondern die Spirale lediglich weiterdreht. Zuallererst müssten sich die modernen Industriegesellschaften ernsthaft verständigen, mit welchem Körper sie in 20, 30 Jahren unterwegs sein wollen, insbesondere, wenn sich all die Gentherapien durchgesetzt haben, die grad in der Pipeline sind. Das ist ja auch die zentrale Frage meines Buches. Die Pharmaindustrie gibt heute viel mehr Geld für die Werbung aus als für Forschung, sie erfindet Krankheiten. Wohl die richtige Situation für einen Diskurs mit der Frage: Was wird mit unseren Körpern?
Wo müsste so ein Diskurs ansetzen?
Der erste Schritt wäre ein ganz stoischer – die Desillusionierung darüber, was in Sport und Gesellschaft an schleichender Zwangsoptimierung der Körper passiert. Also nicht weiter nur Celebrities kreieren, sondern die Rückgewinnung des Körpers ins Politische. Sicher, die Politik muss endlich reagieren und dann konsequent sein. Es geht zuallererst um den Schutz der Kinder und um so was wie die Gesundheit der Bevölkerung. Ein weiterer Punkt wäre, dass an der Spitze des Sports nicht länger Leute sitzen, die nur ihre Karriere und Wirtschaftsinteressen bedienen. Zum Dritten dürfen wir uns als einfache Erdenbürger ruhig wieder ein bisschen mit unseren Grenzen versöhnen und anerkennen, was wir doch in wunderbarer Weise auch ohne Chemiewahn sind. Dabei können wir uns die Spiele in Peking ruhig anschauen. Aber ohne Illusionen, mit einem realen Blick, etwa, wie sich Körper verändern, was die politischen Hintergründe für diese Spiele sind etc. Da wäre doch schon mal einiges von dieser Hype-Energie draußen, nicht?

Lukas Wieselberg in FALTER 32/2008



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