Wenn ich mal groß bin. Das Lebensabschnittsbuch für die Generation Umhängetasche


Eigentlich erwachsen

Haben Sie Feuer? Spätestens wenn einen in einem Club wie dem Flex eine deutlich jüngere Person so um Feuer bittet, ist es so weit: Man ist nicht mehr ganz so jung, wie man sich fühlt. Und wie man mit modischen Attributen vielleicht vorgibt, zu sein. Da helfen auch keine flotten Sneakers, keine Retrotrainingsjacke und kein T-Shirt irgendeiner angesagten Band. "Haben Sie Feuer?" könnte so etwas wie eine Initialzündung sein, mit Mitte dreißig (oder etwas darüber) über sein Leben nachzudenken. Zu überlegen, woher die Rückenschmerzen kommen, die einen seit ein geraumer Zeit plagen.
"Trau keinem über 30" hieß der Wahlspruch der aufmüpfigen 68er-Generation. Jetzt sind die 68er selbst bald 68 und bürgerlich bis in die Knochen. Ihre Kinder haben die 30 auch schon überschritten, mit Arbeitsverhältnissen so prekär wie ihre Wohn- oder Beziehungssituation. Und wenn am Ende des Monats das Geld nicht reicht, weil es halt schwer ist, in der Kreativwirtschaft Aufträge zu bekommen, gibt's finanzielle Unterstützung von den Eltern. Die Rückenprobleme dieser Generation sind mög­licherweise auf die schweren Umhängetaschen zurückzuführen, die sie immer und überall mit sich herumschleppt.
Langzeitadoleszenz nennt Martin Reichert, Redakteur bei der Berliner Tageszeitung taz und Autor eines soeben erschienenen Ratgebers das Phänomen der Mitt- und Enddreißiger, die nicht erwachsen werden wollen und deren Zentralorgan Neon darstellt. "Eigentlich sollten wir erwachsen werden", lautete einst das Motto des monatlichen schicken Ablegers des Stern, der sich in zahlreichen Umhängetaschen findet, zumindest metaphorisch. Der Autor empfiehlt: Tasche ausmisten, ebenfalls metaphorisch. Erwachsen werden bedeutet nämlich, loslassen können.
"Wenn ich mal groß bin" heißt Martin Reicherts Lebensabschnittsbuch für die Generation Umhängetasche. Bissig, pointiert und auf den zweiten Blick auch sehr witzig beschreibt er das Leben zwischen Milchkaffee to go, Nachtleben und Ich-AG. Zum "Großsein" gehört zum Beispiel, die Schlüssel fürs Elternhaus zurückzugeben, eine eigene Wohnung zu suchen (weil man irgendwann zu alt für WGs ist) und einen echten Haushalt zu gründen. Mit Butter im funktionierenden Kühlschrank, Salatschleuder, Geschirrspüler und schönen Gläsern. Fürs monatliche Unterstützungsgeld elterlicherseits ist man mit Mitte dreißig sowieso zu alt. Da sollte man auch schon mit Geld umgehen können – seinem eigenen.
Rauchen ist irgendwann kein Akt der Rebellion mehr, es schädigt Sperma, bedroht Kinder oder lässt die Haut vorzeitig altern. Spätestens diese Warnung auf der Packung sollte bei Langzeitadoleszenz funktionieren. Als kleine Übung für zwischendurch empfiehlt Reichert, einen Handspiegel auf den Tisch zu legen und darin sein Gesicht zu betrachten; schön sind Hängebacken nicht. Aber ein guter Eindruck von dem, was einen erwartet. Von nabelfreier oder tiefsitzender Beinkleidung bekommt man ohnehin nur Wehwehchen.
Reichert packt die Metapherntasche aus: Pop-Romane und Harry Potter, nix für Große. Kondome? Gehören ins Nachtkastl. Auch die Zahnbürste muss man nicht für den Notfall mit sich herumschleppen. Irgendwann sollte man nämlich ein intaktes Beziehungsleben haben, eine Familie gründen und dann dem eigenen Nachwuchs möglichst nicht die Kindheit versauen, indem man nicht erwachsen werden kann. Zum Beziehungsleben zählen dann auch gleich noch ein echter Freundeskreis und Kontaktpflege statt unzähliger Kontakte im E-Mail-Adressbuch, dem Myspace-Account oder dem iPhone. Die Celebrities, mit denen sich die Generation Umhängetasche gerne mittels Lektüre von Klatschzeitschriften umgibt, seien übrigens auch kein Ersatz für echte Freunde: "Anerkennen Sie die Menschen in Ihrer Umgebung und schenken Sie ihnen Ihre Aufmerksamkeit. Dann sind Sie ein Star. Eine Zierde der Menschheit. Weil Sie menschlich sind."

Das Buch beschreibt Mitglieder der digitalen Boheme, die in Szenelokalen mit WLAN-Angebot an tragbaren Macs Jobs erledigen. Oder darauf warten, Jobs zu bekommen. Möglicherweise posten sie aber auch nur Kommentare in Blogs oder schauen Pornobilder an. Jedenfalls sieht das alles sehr beschäftigt aus. Reichert empfiehlt den Menschen in den Szenehütten zu überprüfen, ob die eigene Kreativität ausreicht, den Lebensabend zu sichern. Oder ob man vielleicht doch nicht lieber einen bürgerlichen Beruf als Grundlage eines "unaufgeregten, durchschnittlichen" Lebens ergreifen soll. Auch wenn man auf Lehramt studiert hat, muss man kein Konzeptgeschäft eröffnen, in dem es Kekse und Kakteen gibt. Zum Beispiel.
Auch Popmusik hört eines Tages auf, "der Altar zu sein, um den man kreist". Songs als Krücke, um seiner Persönlichkeit Ausdruck zu verleihen, braucht man dann nicht mehr. Man muss keine Mixtapes mehr aufnehmen, um Dinge wie "Ich liebe dich" zu sagen. Überhaupt: Dirk von Lowtzow, Sänger der Band Tocotronic und Jahrgang 1971, sehe auch schon ziemlich alt aus. Weg mit dem iPod, fordert der autoritäre Ratgeberautor. Man solle das Gerät seiner Mutter schenken. Die habe vielleicht mehr Zeit, um Musik zu hören und stundenlang Playlists zusammenzustellen oder die CDs der letzten 20 Jahre in den Computer zu spielen.
Ist Reichert ein Spielverderber, eine Spaßbremse? Der Mann ist bloß realistisch. Er zeigt, dass man auch noch als Erwachsener seine Ideale nicht verraten muss. Und dass man im Club auch Spaß haben kann, ohne die Leute mit seiner Umhängetasche zu nerven.

Martin Reichert im Interview
"Ab 30 gab es Momente des Zweifelns"

alter: Herr Reichert, ärgern sich die Leute über Ihr Buch?
Martin Reichert: Einige fühlen sich wirklich extrem angepisst. Dabei geht es doch darum, ihnen freundlich den Spiegel vorzuhalten. Man muss in der Lage sein, Abstand zu gewinnen, über sich selbst lachen zu können und mal kurz nachzudenken.
Haben Sie selbst schlechte Erfahrungen beim "Erwachsenwerden" gemacht?
Ab 30 gab es Momente des Zweifelns. Viele aus der Generation Umhängetasche kennen das: Man steht irgendwo nachts um vier betrunken herum. Am nächsten Tag um zehn muss man aber irgendwo sein. Und man fragt sich: Was mache ich hier eigentlich? In meinem Fall erkrankten Freunde lebensbedrohlich. Man merkt, dass die eigene Existenz auch materiell auf sehr wackligen Beinen steht. Dass das Leben leider auch einen gewissen Ernst beinhaltet. Das schöne am sogenannten Erwachsenwerden ist, dass man Abstand nimmt von Posen. Dass Außenwahrnehmungen und Gruppenzugehörigkeiten irgendwann an Relevanz verlieren.
Madonna wird demnächst 50. Wie die mit jungen Menschen in der Disco herumhüpft, solche Posen müssen Sie doch fürchterlich finden. Oder packt Madonna das Altwerden eh ganz gut?
Madonna ist ein Phänomen, eine Vorturnerin. Eine Jane Fonda ohne Aerobicvideo. Madonna macht vor, wie es geht, mit 50 sich immer wieder neu zu erfinden. Dem Zeitgeist möglichst einen Zentimeter voraus zu sein, also nicht zu viel Avantgarde, immer genau an der Spitze des Mainstreams. Aber irgendwann kippt das ins Tragische. Irgendwann wird sie nicht drumherumkommen, mit Chansons und alten Marlene-Dietrich-Liedern um die Welt zu turnen. In den Orchestergraben wird sie aber nicht fallen, sie trinkt ja nicht.
Warum ist es so schwierig, erwachsen zu werden?
In unseren Generationskohorten ist ja nichts mehr selbstverständlich. Es gibt nicht mehr diese Art Automatik, die einen selbstverständlich von einer Lebensebene in die andere transportiert. Die Lebenserwartung ist gestiegen, Ausbildungszeiten haben sich verändert, man ist gezwungen, flexibel zu sein, hat keine fixen Standorte. Das erschwert das Erwachsenwerden. Einerseits ist das eine große Freiheit, auf der anderen Seite eine große Verunsicherung.
Fehlen den Mitdreißigern die Feindbilder?
1968 war die gesamte Elterngeneration auf der einen oder der anderen Seite in den Nationalsozialismus verstrickt. Da kann man wunderbar sagen: "Wir sind die Guten, ihr seid die Täter." Wir haben das nicht. Die wenigsten aus meiner Generation können ihren Eltern irgendwas zum Vorwurf machen. Und ein monströses Ereignis, das einen ernüchtern würde, gab es auch nicht.
Müssen jetzt wir unseren 68er-Eltern vorwerfen, nicht autoritär gewesen zu sein?
Ihr wart viel zu nett zu uns – dieser Vorwurf zieht ja nicht.
Würden Sie den Kreativen, die im Café sitzen und vor Laptop und Milchkaffee auf den nächsten Auftrag warten, einen festen Job empfehlen?
Die Gesellschaft ist gespalten in Leute die drin sind und welche, die draußen sind. Drin haben sie Angestelltenverhältnisse, Kündigungsschutz und Rentenansprüche. Die anderen kommen da unter Umständen nie hinein. Die digitale Boheme versucht, aus dem Mangel eine Tugend zu machen. Statt verheult in der Ecke zu sitzen, tun sie halt was. Tragisch ist es, wenn daraus nichts wird. Es gibt bei solchen Lebensentwürfen einen Punkt, an dem man merkt, man kommt nicht weiter, verharrt in einer Warteschleife. Dann sollte man handeln. Aber wer mit seinem Leben glücklich ist, muss keine Festanstellung eingehen.
Ist das Phänomen universell oder beschreiben Sie da eine typische Berliner Situation?
Auch in Wien gibt es eine ganze Reihe Umhängetaschenträger, mit denen ich nette Abende verbracht habe. Das Grundlebensgefühl ist übergreifend. Berlin ist natürlich ein wunderbares Setting, die Hauptstadt der Generation Umhängetasche, alle hängen hier rum. Berlin ist aber nur eine Kulisse, hier gibt es keine Industrie, hier wird kein Geld verdient, aber es macht total viel Spaß, hier rumzugurken. Darauf ein Leben aufzubauen, kann unter Umständen schwierig werden.
Wieso haben wir Angst vorm Verspießern?
Es wurde uns so beigebracht, dass die Spießer das Allerschlimmste sind. Die­se Feindbilder hat die 68er-Elterngeneration auch gepflegt. Wenn man sich deren Lebenswirklichkeit anschaut, sind sie auch nur Bürger. Als Akademiker halt Bildungsbürger. Das Bürgertum verändert sich eben in seinen Ausdrucksformen. Der Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg ist ein zutiefst bürgerlicher Bezirk, sieht aber total groovy dabei aus. Vordergründig setzt man sich für Multikulti ein, hintenrum versucht man, eine Schule für sein Kind zu finden, wo es ja nicht mit Kindern von Türken und Arabern zur Schule gehen muss.
Das Milieu, das Sie beschreiben, ist ebenfalls sehr spezifisch.
Was ich als Generation Umhängetasche labele, ist ein Teilausschnitt dieser Generationskohorte, meistens Akademiker und gut gebildet. Die machen verdammt viel Lärm, man nimmt sie überproportional wahr, weil sie Zugang zu Medien haben, Medien machen wie ich selber. Der Mittelstand und das Bildungsbürgertum ist sehr verunsichert, vielleicht auch ein Grund dafür, dass man sich in seine eigene Parallelgesellschaft zurückzieht.
Um dann beim Milchkaffee irren Lärm zu machen?
Richtig Krach machen, ja! Nichts ist mehr selbstverständlich: weder das Erwachsenwerden noch Kinder kriegen noch sich ein Paar Schuhe kaufen. Es wird immer ein Riesenlärm gemacht. Gestern war ich in einem Café, am Nebentisch saßen zwei Mädels, aßen Fusion-Kitchen und filmten sich dabei gegenseitig. Ich bin mir sicher, dass sie das gleich im Anschluss ins Netz gestellt haben.
Haben Sie selbst noch eine Umhängetasche?
Die habe ich natürlich schon beim Verfassen des Manuskripts aus gestalttherapeutischen Gründen zur Seite gelegt. Ich besitze jetzt eine Ledertasche, die nehme ich, wenn ich zur Arbeit gehe. Wenn ich weggehe, habe ich nur Schlüssel und Mobiltelefon dabei. Und die EC-Karte steckt in einem Etui in der Hosentasche. Ich werde bestimmt nicht mehr meinen ganzen Scheiß mitschleppen und damit abends Leute im Club anrempeln.

Christopher Wurmdobler in FALTER 32/2008



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