Der Gipfel des Verbrechens. Die Everest-Mafia und ihre dreckigen Geschäfte

Michael Kodas, Gaby Funk, Hans Freundl


Bergesgrauen

Der Reporter und Fotograf Michael Kodas hat mit "Der Gipfel des Verbrechens" ein erschütterndes Buch über Helden und Halunken, Gewinner und Verlierer des Mount-Everest-Geschäfts geschrieben. Traurige Aktualität verschaffte dem Buch die Tatsache, dass China die Olympische Fackel heuer nicht nur den Pro-Tibet-Demonstranten, sondern (unter Ausschluss der Öffentlichkeit) auch den Stürmen auf dem höchsten Berg der Erde trotzen ließ. China nascht am Everest-Boom eifrig mit und bietet Bergsteigern seit Jahren einen billigeren Weg auf den Gipfel an als Nepal. 2006 konnten diese zusehen, wie die Volkspolizei auf Flüchtlinge schoss und die Leiche einer Nonne in eine Gletscherspalte warf.
Was Kodas bei Drucklegung noch nicht wissen konnte, erfährt man, wenn man die von ihm zitierte Website www.mounteverest.net besucht. Damit niemand dem Olympischen Feuer in die Quere kam, blieb die tibetische Seite des Everest vom 1. bis 10. Mai und damit einen wichtigen Teil der Himalaja-Saison geschlossen. Aber auch Nepal kommt dem mächtigen Nachbarn entgegen. Jeder Expeditionsleiter muss dafür geradestehen, dass zum Mount Everest, zum Lhotse und Nuptse keine Fähnchen, Werbebanner, Aufkleber etc. mitgenommen werden, die die bilateralen Beziehungen zwischen Nepal und China gefährden könnten. Wer dagegen verstößt, wird umgehend nach Kathmandu zurückgeschickt. Noch viel unangenehmer für die Bergsteiger ist die Anordnung, dass ihre elektronische Ausrüstung bei der Polizei unter Verschluss zu bleiben hat.
Der Rest des Buchs ist Horror pur: Atemmasken, deren Regler nicht auf die Flaschen passen. Führer, die beim Abstieg vorausgehen, um "die Seile vom Schnee zu reinigen" – und dabei so viel Vorsprung gewinnen, dass sie die Zurückgebliebenen leider sterben lassen müssen. Bergsteiger, die es nur mit Kokain oder Dexamethason auf den Gipfel schaffen – einem Glukokortikoid für den äußersten Notfall. Auf der anderen Seite "Retter", die sich nur um die Europäer und nicht um die Sherpas kümmern. Expeditionen mit mehr Laptops als Atemgeräten. Massen von Telefonaten vom Gipfel, die verkünden, dass man es geschafft habe. Dann werden in der Regel die Werbefähnchen des Sponsors vor die Kamera gehalten.

Hellmut Butterweck in FALTER 31/2008



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