Gott behüte!. Warum wir Religion aus der Politik raushalten müssen

Robert Misik


Gott Macht Politik

Zwei Bücher, ein Thema: Religion und Politik. Und doch könnten die Unterschiede größer nicht sein. Das beginnt schon beim Umfang. Robert Misiks schmaler Essay "Gott behüte!" möchte uns erklären, "warum wir die Politik aus der Religion raushalten müssen" – ohne dass allerdings ganz klar würde, wer dieses "wir" ist. Er liegt gut in der Hand, lässt sich am Strand lesen und ist genauso salopp und flapsig formuliert, wie es der Untertitel andeutet. Michael Burleighs monumentale Studie "Irdische Mächte, göttliches Heil" beschreibt auf mehr als 1200 Seiten die Geschichte des Kampfes zwischen Politik und Religion von der Französischen Revolution bis in die Gegenwart, wobei das erzählerische Talent des britischen Historikers der Stoffmenge nicht immer ganz gerecht wird. Dieses Buch allerdings lässt sich schon aus Gewichtsgründen nur am Schreibtisch lesen. Jenseits der Differenzen im Erscheinungsbild offenbart die Parallellektüre dieser Bücher allerdings die ganze Bandbreite, in der die Frage nach dem Verhältnis von Politik und Religion heute verhandelt werden kann. Und gegen den Willen der Autoren wird dabei auch so manche Tücke dieses momentan ziemlich modischen Diskurses offenbar.
Im Grunde legen Misik und Burleigh konträre Thesen zum Verhältnis von Religion und Politik vor. Misik gefällt sich in der Rolle des urbanen, spätliberalen Aufklärers, der einigermaßen verwundert über die Wiederkehr der Religionen ist und letztlich nicht verstehen kann, wie nach Jahrhunderten rational-wissenschaftlicher Welterforschung noch immer Menschen an einen Schöpfergott glauben können. Natürlich will Misik niemandem seinen Glauben nehmen – solange sich dieser auf der Ebene individueller Idiosynkrasien bewegt, aus denen weder Wahrheitsansprüche noch soziale oder politische Praktiken abgeleitet werden dürfen.

Natürlich will auch Misik religiöse Gefühle respektieren und Gläubige nicht grundlos beleidigen, vor allem dann, wenn es sich nicht um Katholiken, sondern um Muslime handelt, und dass es die Caritas gibt, ist durchaus in Ordnung, aber abgesehen davon sollen sich Kirchen und Theologen in Fragen der Politik, der Gesetzgebung, der Gestaltung des Gemeinwohls weder einmischen noch diese gestalten. Wenngleich manchmal vielleicht etwas gewollt locker formuliert, vertritt Misik die in der Philosophie seit Kant ventilierte These, dass aus der Perspektive der Vernunft weder für eine humane Moral noch für eine angemessene Erkenntnis der Welt ein Gott vonnöten sei. Misik möchte zwar kein eifernder Atheist wie Richard Dawkins sein, aber Religion ist für ihn letztlich keine Sinn-, sondern eine "Unsinn-Ressource".
In Bezug auf den politischen Charakter der Religionen stützt sich Misik auf die von dem Ägyptologen Jan Assmann prominent vertretene These, dass vor allem die monotheistischen Religionen mit ihren absoluten Wahrheitsansprüchen auch Formen politischer Herrschaft und Gewalt begründet und legitimiert hätten, die sich für die Entwicklung der Menschheit als durchaus verhängnisvoll erwiesen hätten. Religionen sind, so Misik mit einer hübschen Pointe, weniger, wie Marx es vermutete, das "Opium des Volkes", sondern vielmehr ein "Aufputschmittel", mit dem die Völker "aufeinander losgehetzt werden". Die Trennung von Kirche und Staat, letztlich von Religion und Gesellschaft ist die notwendige Konsequenz aus diesem Befund.
Ganz anders bestimmt Michael Burleigh das Verhältnis von Religion und Politik. Ihn interessiert vorrangig nicht die Frage nach dem Gewaltpotenzial der Religion, sondern die nach dem religiösen Potenzial von säkularen Gewaltherrschaften. Burleigh, der aus seiner Sympathie für den Katholizismus kein Hehl macht, versucht zu zeigen, dass gerade dort, wo Aufklärung und Säkularisierung anscheinend die Religion verdrängt haben, deren Formen und Phantasmen in einer verhängnisvollen Gestalt wiederkehren. Vor allem an der französischen Aufklärung, am Nationalsozialismus und am Kommunismus versucht Burleigh in detailverliebten Studien nachzuweisen, wie sehr der offensive Kampf gegen die Religion zur Aktivierung religiöser Restbestände führte, die, aller Transzendenz beraubt, nun in Gewalt, Verfolgung und Menschenvernichtung abglitten.
Schon die Sprache der Französischen Revolution sei von religiösen Begriffen durchsetzt gewesen, Worte wie Katechismus, Glaubensbekenntnis, fanatisch, Evangelium, Märtyrer, Missionar, Propaganda, Sakrament, Predigt, Zelot wurden aus dem religiösen in den politischen Kontext übertragen und wirkten bis in das 20. Jahrhundert nach. Und genüsslich zitiert Burleigh den russischen Philosophen Berdjajew, der davon schwärmte, dass die "modernen Ekstatiker des Rationalismus" alles daran setzten, in der Maschine aufzugehen und mit ihr so zu verschmelzen wie die frommen Mys­tiker, die einst danach strebten, sich mit ihrem Gott zu vereinen.
Tatsächlich lässt sich nicht leugnen, dass gerade die radikale Religionskritik die Spuren des religiösen Bewusstseins und seiner Erscheinungsformen nicht zum Verschwinden bringen konnte, sich dieser nachgerade intensiv bedient hat. Vom "Kult der Vernunft" der Jakobiner über Hitlers Glaube an die "Vorsehung" bis zu Stalins "Personenkult" reichen die quasireligiösen Rituale und Glaubensformeln, die vor allem den Massenbewegungen des 19. und 20. Jahrhunderts ihr Gepräge gaben. Die Ersetzung des toten Chris­tengottes durch Phantasmen wie Vernunftherrschaft, Nation, Rasse oder Partei hat nach Burleigh überhaupt erst zu jener Eskalation der Gewalt geführt, die der europäischen Geschichte seit der Französischen Revolution ihren Stempel aufdrückte.
Burleighs These, dass aus diesem Grund "die geschichtlichen Errungenschaften des Christentums" mehr Beachtung verdienen, als ihnen für gewöhnlich zuteil wird, wird aber bei vielen Kirchenkritikern ebenso wenig auf Gegenliebe stoßen wie seine für manche kritische Zeitgenossen wohl provokante Behauptung, dass "sowohl die österreichischen als auch die deutschen katholischen Bischöfe den Nationalsozialismus kritischer verurteilt haben, als es im Allgemeinen zur Kenntnis genommen wird".
Der eigentliche und zum Teil verschämt verschwiegene Angel- und Fluchtpunkt beider Bücher aber ist der politische Islam, der Ort, an dem sich jede Theorie einer politischen Religion heute zu bewähren hätte. Keine Frage, dass die Retheologisierung der Politik, in deren Windschatten ein Erstarken der Religionen beobachtet werden kann, ihren Ausgangspunkt in der islamischen Revolution des Ajatollah Chomeini hatte. Revolutionen, Freiheitskämpfe und Terrorakte, die zuvor ihre Ideologie und Legitimation vor allem aus nationalen und sozialistischen Theoriebruchstücken zusammensetzen konnten, firmieren seitdem unter einem religiösen Banner. Wenn irgendwo der prekäre Zusammenhang von Religion und Politik in einer erschreckenden Weise dem modernen Menschen neu demonstriert wurde, dann hier.

Misik nimmt zwar den "Wendemoment" des 11. Septembers 2001 zu einem Ausgangspunkt seiner Überlegungen, kritisiert aber dann doch lieber den katholischen Papst und seine Kirche. In seinen eingeschobenen Zusatzreflexionen, die in Kästchen mit dem hübschen Titel "Bibelkreis & Korankränzchen" versammelt sind, ist dann auch fast nur von der Bibel, kaum vom Koran die Rede. Misik nennt dafür auch Gründe, die so plausibel wie unlogisch sind. Während er die Religionen für die Konstruktion von Identitäten, in denen Menschen gefangen bleiben, mitverantwortlich macht und wortreich multiple und fließende Identitäten beschwört, gesteht er sich als in einem christlichen Milieu sozialisierter Intellektueller nur die Kritik am Christentum, nicht aber an anderen Religionen zu und bestätigt damit jene verhängnisvollen Identitätskonstruktionen, die er doch durchbrechen möchte.
Burleigh, der ursprünglich eine his­torische Abhandlung ohne aktuellen Hintergrund vorlegen wollte, muss, gezwungen durch den Gang der Ereignisse, dann doch – allerdings erst auf Seite 1107 – auf den 11. September zu sprechen kommen. Dieser ist für ihn der bisherige Höhepunkt in einem "Zusammenprall der Kulturen", den nach Burleigh die Islamisten heraufbeschworen haben (Misik macht dafür diejenigen verantwortlich, die ständig davon reden) und durch den Europa in eine Identitätskrise gestürzt wurde, die die politischen Eliten dieses Kontinents nun entweder zwischen der pessimistischen Vision eines islamisierten Abendlandes ("Eurabien") oder der optimistischen Hoffnung auf eine funktionierende multikulturelle Gesellschaft unter menschenrechtlichen Rahmenbedingungen schwanken lassen. Interessant ist immerhin Burleighs These, dass es gerade der forcierte Rückzug des Staates aus vielen Bereichen des sozialen Lebens sei, der den Weg freimache für die prekäre politische Renaissance der Religionen.
Bei allen Differenzen und auch bei allen Vorzügen, die jedes dieser Bücher auf seine Art aufzuweisen hat, haben sie so einen entscheidenden Mangel gemeinsam: Der Zusammenhang zwischen der bei Misik eher essayistisch skizzierten, bei Burleigh ausufernd dargestellten politischen Theologie mit ihrer zentralen gegenwärtigen Erscheinungsform – dem politischen Islam – bleibt merkwürdig unterbestimmt. Das muss nicht als individuelles intellektuelles Versagen gedeutet werden; darin mag sich auch jene Widersprüchlichkeit ausdrücken, die das Verhältnis von Religion und Politik unter den Bedingungen der Gegenwart insgesamt kennzeichnet. Es geht, letztlich, um die Grenzen der Toleranz in säkularen Gesellschaften. Und darüber spricht man bekanntlich nicht gerne.

Konrad Paul Liessmann in FALTER 31/2008



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