Enzyklopädie Migration in Europa. Vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart

Klaus J Bade, Pieter C Emmer, Leo Lucassen, Jochen Oltmer


Alles über Homo migrans

Quoten für Problembezirke in Wien? Keine Zahnprothesen und keine künstlichen Hüftgelenke mehr für Zuwanderer? Wenn Politiker (in diesem Fall Hannes Missethon von der ÖVP und Heinz-Christian Strache von der FPÖ) mit dramatisierenden Vorschlägen wie diesen auf sich aufmerksam machen wollen, herrscht Ausländerwahlkampf. Das Schüren von Ängsten vor Fremden gehört zum Standardrepertoire wahlwerbender Politiker. Dass Phänomene wie Migration und Integration immer schon zur europäischen und damit auch zur österreichischen Geschichte gehörten, wird von ihnen gerne ausgeblendet.
Nun könnten die Missethons und Straches nachschlagen: Erstmals hat ein internationales Wissenschaftlerteam eine Enzyklopädie zum Thema "Migration in Europa" zusammen­gestellt. 1156 Seiten, 219 Einzelbeiträge, 250 Autoren, vier Herausgeber: Das jüngst erschienene Werk zum "zentralen Sorgenthema", wie die Herausgeber es selber nennen, wird seinem Anspruch gerecht. Nicht nur, was seinen Umfang betrifft.
Ohne Multikultischwärmerei, aber auch ohne Hysterisierung, informativ, knapp und – für eine deutsche Wissenschaftspublikation – erfreulich lesbar geschrieben, bietet es einen beeindruckenden Überblick über Migrationsströme und Integrationsphänomene in Europa. Der Schwerpunkt liegt im kriegsreichen 20. Jahrhundert, das zu Recht als Jahrhundert der Flüchtlinge gilt. Den Kontinent definieren die Herausgeber – allen voran der inzwischen emeritierte Osnabrücker Migrationsforscher Klaus Bade – dabei als historisch-kulturellen Raum von Russland bis Portugal, Norwegen bis Spanien.
Auf eine Einleitung und kurze, nach Ländern geordnete Abrisse folgt der eigentliche Hauptteil: eine alphabetisch geordnete Beitragssammlung, von A wie "Ägyptische Sans-papiers" in Paris seit den 1980er-Jahren bis Z wie "Zwangsarbeiterkräfte in Deutschland und im von Deutschland besetzten Europa im Zweiten Weltkrieg". Große, allgemein bekannte Migrantengruppen wie die türkischen "Gastarbeiter" (die nie zu solchen wurden) oder "jüdische Flüchtlinge aus dem nationalsozialistischen Deutschland und dem von Deutschland besetzten Europa seit 1933" werden ebenso beschrieben wie weniger bewusste Phänomene wie "Lateinamerikanische Prostituierte in den Niederlanden seit den 1970er-Jahren" oder "Internationale Beamte supranationaler Organisationen in Brüssel seit 1958" – damit sind die EU-Beamten gemeint.
Die tragischen Bevölkerungsbewegungen auf österreichischem Gebiet während und nach dem Zweiten Weltkrieg ordnen die deutschen Herausgeber übrigens dem Stichwort "dem von Deutschland besetzten Mitteleuropa" zu. Das zeigt aber eine kleine Schwäche des Kompendiums auf: Übersichtlicher wäre eine nationale Zuordnung der Einzelbeiträge gewesen. Auch eine Europakarte mit grafisch dargestellten Migrationsströmen sucht man vergebens.
Österreich spielt aufgrund seiner geografischen Lage im "Herzen" Europas, wie die österreichische Historikerin Sylvia Hahn in ihrem Beitrag formuliert, eine besondere Rolle in der europäischen Migrationsgeschichte. Mit Fremden war man immer schon konfrontiert. So stieg die Bevölkerung Wiens von 250.000 um das Jahr 1800 auf rund 1,7 Millionen um 1900 an. Zuwanderer stellten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in vielen Städten zwischen zwei Drittel und drei Viertel der lokalen Bevölkerung. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs befanden sich 1,6 Millionen ausländische Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene und ehemalige KZ-Insassen in Österreich. "Seit den 1960er-Jahren ist Österreich eindeutig zum Einwanderungsland geworden", spricht Hahn aus, was Politiker sich immer noch nicht zu sagen trauen. Die Konservativen in Deutschland haben inzwischen das Verlegenheitswörtchen "Integrationsland Deutschland" dafür kreiert.

Barbaba Tóth in FALTER 31/2008



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