Emigration ins Leben. Wien – London und nicht mehr retour

Eric Sanders, Peter Pirker


Einer gegen Hitler

Vielleicht wäre er ohne Frau Holmes heute nicht hier. Es ist reiner Zufall, dass er im Mai 1938 im britischen Konsulat in Wien ausgerechnet vor ihrem Schalter gestanden war. Frau Holmes war dort Beamtin und bearbeitete Anträge für Auslandsvisa. Anträge wie jenen, den Eric Sanders an diesem Tag über ihren Tisch geschoben hat. Doch sein Antrag war fehlerhaft. Frau Holmes hat ihn dennoch abgestempelt und Eric so die Flucht vor den Nazis nach England ermöglicht. Jahre später sollte Eric Sanders diese Frau Holmes in London wiedertreffen. Da mochte ihm aber nicht einfallen, woher er sie kannte. Es vergingen Jahrzehnte, bis er es wieder wusste.
Kommendes Jahr wird Eric Sanders 90 Jahre alt, nun legt er seine Memoiren vor. Er sitzt im Speisesaal eines Badener Hotels vor einer Tasse Kaffee. Es ist Nachmittag, und durch die geöffneten Fenster dringt die Hitze des Sommers. Der Saal ist menschenleer, doch die Gedecke für den Abend liegen bereits auf den Tischen. Zu Abend essen werde er heute nicht mehr, sagt Eric Sanders, in seinem Alter reiche ein später Imbiss. Morgen früh fahre er dann weiter nach Kärnten. Gemeinsam mit dem Wiener Historiker Peter Pirker unternimmt er eine Lesereise durch Österreich. Das Interesse an seiner Person ist ihm fast peinlich. Der kleine Tisch mit dem Kaffeegeschirr und dem Aufnahmegerät schränken Eric Sanders ein, mehrmals stößt er während des Gesprächs mit den Händen ans Diktiergerät. Er scherzt über das Klischee des Juden, der immer so wild gestikuliert. Sein Haar ist grau und schon etwas spärlich, auch sein Gesicht trägt die Zeichen des Alters, aber sein Blick ist hellwach und lebendig. Er beobachtet sein Gegen­über aufmerksam und spricht mit fester Stimme in einem Deutsch, an dem 70 Jahre England nicht spurlos vorübergegangen sind.
Eric Sanders wird 1919 als Ignaz Erich Schwarz in Wien geboren. Er ist der Sohn jüdischer Eltern, die ein kleines Lebensmittelgeschäft im 15. Bezirk betreiben. Sein Bruder Alfred, er nennt ihn Fredi, kommt knapp drei Jahre später zur Welt. Die Familie ist nicht reich, aber die Kinder wachsen behütet auf. Man legt Wert auf Bildung und darauf, dass die Buben ein Instrument lernen. Am Nachmittag spielt Eric Fußball im Schönbrunner Schlosspark, die Ferien verbringt er im jüdischen Sommerlager und manchmal bleibt etwas Geld für eine Kinokarte. Er übt Klavier, liebt Schlagermusik, verehrt die Admira und den jüdischen Sportverein Hakoah sowieso.
Den Antisemitismus spürt er im Jahr 1937 zum ersten Mal am eigenen Leib: "Als ich von der Hauptschule in Hietzing in die Realschule kam, weil ich ein Vorzugszeugnis hatte, begann ich den Nazismus zu fühlen. Da gab es keinen Tag, ohne dass ich von jemandem bespuckt, Saujude genannt oder geschlagen wurde." Hitlers Einmarsch ein Jahr später erlebt er als 18-Jähriger in der Hadikgasse unweit der elterlichen Wohnung: "Hitler stand da mit starrem Blick in einem offenen Wagen, den rechten Arm in die Höhe gestreckt. Er sah aus wie eine Puppe. Ich hatte bei diesem Anblick keine Gefühle, aber ich wusste, dass da etwas Furchtbares geschah." Am nächs­ten Tag muss Eric nicht mehr in die Schule gehen: Die Familie will nach London flüchten, wo die Mutter Verwandte hat.
Es beginnt eine monatelange bürokratische Odyssee, die mit dem guten Willen von Frau Holmes erfolgreich endet. Eric und seine Mutter flüchten nach London, der Vater kommt einige Monate später nach. Bruder Fredi geht mit einem jüdischen Verein nach Paläs­tina. Ihn wird Eric nie wiedersehen.
In London wechselt Ignaz Erich Schwarz seinen Namen und heißt von nun an Eric Sanders. Auch seinen Traum von der Karriere als Schlagerkomponist lässt er in Wien zurück. Für ihn geht es nun darum, aktiv etwas gegen Hitler zu tun. Er meldet sich zur britischen Armee und wird zu einer Spezialeinheit des Geheimdienstes angeworben – zur sogenannten Special Operations Executive (SOE). Die Einheit soll mithilfe von Flüchtlingen die deutsche Infrastruktur sabotieren und Partisanengruppen unterstützen. Auch Sanders wird für den Einsatz gegen die Deutschen trainiert: Er lernt den Umgang mit dem Funkgerät, geräuschloses Anschleichen, den Fallschirmabsprung und zu schießen. Doch er wartet bis zum Kriegsende vergebens auf einen Einsatz. Im Jänner 1945 schreibt er in sein Tagebuch: "Die Russen kämpfen auf einer weiten Front in Schlesien und Russland. Wenn sie durchbrechen, könnte es geschehen, dass ich in diesem Krieg keine Aktion mehr sehen werde. Ich bin mir über meine Gefühle darüber nicht klar. Meistens denke ich: Verdammt, ich kann doch nicht all das durchgemacht und dann nichts getan haben! Realistisch sollte ich froh sein, den Krieg unverletzt zu überstehen. Jedoch tief in mir ist ein überwältigender Wunsch, etwas Effektives, etwas Wichtiges zur Niederlage Hitlers beizutragen."
Nach Kriegsende kommt für Eric Sanders die Rückkehr nach Wien nicht in Frage – obwohl er als britischer Soldat als Sieger heimgekehrt wäre, wie er sagt. Dass er in Wien kaum mehr Freunde und keine Familie hat, hält ihn aber davon ab. Dazu kommt das Wissen, dass viele Österreicher Hitler mit offenen Armen empfangen hatten. Rachegefühle gegen die Nazis seien aber nie ein Grund für sein Engagement in der SOE gewesen, erzählt Eric Sanders. Eher schon das Streben nach Gerechtigkeit: "Ich finde es unmöglich, jemanden zu hassen. Als ich in England deutsche Gefangene betreuen musste, kam ich mit ihnen gut aus, denn einzelne Personen konnte ich nicht hassen. Aber ich hasste die Idee, dass ein Mensch allen anderen befehlen kann, was sie tun sollen. Ich hasste die Idee, dass Menschen ohne viel nachzudenken wie Lämmer für jemanden schreien. Aber nie war das ein individueller Hass."

Zur zweiten Begegnung mit Frau Holmes kommt es übrigens während der Kriegsjahre in einem Trainings­camp der SOE in London. Dort arbeitet sie mittlerweile für den britischen Inlandsgeheimdienst und hat eine leitende Funktion in jener Sektion, der Eric Sanders zugeteilt ist. Schon wieder ist sie also für sein Schicksal zuständig. Woher er ihr Gesicht kennt, erfährt Eric aber erst im Jahr 2005 durch einen britischen Historiker. Heute wisse man, dass ­diese Frau Holmes als Beamtin in Wien unzähligen Juden und Jüdinnen zur Ausreise verholfen hat, indem sie bewusst die englischen Gesetze ignorierte. Vielleicht hat sie auch ihm das Leben gerettet. Gerne hätte er ihr noch gedankt. Aber das geht nicht mehr, Frau Holmes ist mittlerweile gestorben.

Lisa Mayr in FALTER 31/2008



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