Bis jetzt. Alte und neue Erzählungen

Antonio Fian


Best of Prosa: Gesammelte Erzählungen von Antonio Fian, dem eleganten Außenverteidiger des heimischen Literaturnationalteams.

Werner Kofler, Josef Winkler, Peter Handke, Gert Jonke, Florian Lipus, Gustav Janus - und eben: Antonio Fian. Gäbe es eine österreichische Literaturliga, Kärnten wäre nicht Letzter, ständig in den Abstiegskampf verwickelt, sondern Erster. Und in einem Literaturnationalteam wäre Antonio Fian eine sichere Bank, nicht weil er auf der Bank sitzen würde, nein, er wäre einer der elegantesten Außenverteidiger: immer am Ball, wenn es notwendig ist, ohne sich je eitel in den Vordergrund zu spielen, eher melancholisch-defensiv veranlagt, bei allem Spielwitz, der ihn ja in den Augen des Publikums besonders auszeichnet, dabei immer zu überraschenden Kontern fähig.

Der Vergleich von Schriftstellern mit Sportlern verweist auf ein Terrain, in dem Antonio Fian Meister ist: dasjenige der Anspielung, des literarisch verfremdeten Zitats, der Intertextualität, wie Literaturwissenschaftler ganz unsportlich zu sagen pflegen. Mehr als anderswo in der Literatur kommt es hier darauf an, den Ball ständig laufen zu lassen; immer in Bewegung zu sein, um den Floskeln satirischen und auch tragischen Sinn zu verleihen - um das Zitat, die Figur als das auszustellen, was sie sind: Teile eines größeren gesellschaftlichen Ganzen, in dem Dummheit, Eitelkeit und Ignoranz eine niederträchtige Rolle spielen. Viele der Erzählungen Fians schreiben sich von etwas her, von bekannten Figuren aus der Öffentlichkeit, einer Zeitungsnotiz oder von Sätzen, wie man sie hören und lesen kann.

"Am Konstantinhügel" zum Beispiel: Dieser liegt im Wiener Prater und ist ein Rückzugsort für den schreibenden und lesenden Ich-Erzähler. Wieder einmal sitzt er auf seiner Parkbank, um in Ruhe "Die psychologische Struktur des Faschismus" von Bataille zu lesen, als zwei Mütter mit ihren kleinen Kindern den Ort mit beanspruchen. Während die Kleinen den Spielplatz roden, sitzen ihre Mütter einander ab- und den Kindern zugewandt auf der Bank und unterhalten sich über Mütter und Krieg. Auslöser des Gesprächs ist ein "Marsch der Mütter" gegen den Krieg. Die Erzählung spielt wohl irgendwann Mitte der Achtzigerjahre, aber sie hat nichts von ihrer Frische eingebüßt. Gelingt es Fian doch immer, die Zeitgebundenheit der Satire auszuweiten, sie in einen allgemeineren Kontext von Privatheit und Engagement, Phrase und Widerstand gegen diese, Wirklichkeit und Realität einzuschreiben.

Das Überraschende an diesem "Best of"-Band ist, wie wenig viele der vor allem frühen Erzählungen mit dem Bild gemein haben, das wir uns vom Meister des vermeintlich immer witzigen Dramoletts vielleicht gemacht haben. In den Dramoletten Fians stecken die Dramen der Öffentlichkeit, in den Erzählungen die Tragödien des Alltäglichen.

Eine vom ersten Satz an berührende Erzählung eröffnet den Band. Sie heißt "Ein Kinderwunsch" und beschreibt, wie eine Mutter ihr Kind scheinbar grundlos vom Balkon im sechsten Stockwerk fallen lässt und wie dieses Kind, das aufgrund glücklicher Umstände überlebt hat, immer wieder den Wunsch äußert, zu seiner Mutter gebracht zu werden. Überhaupt Mütter und Kinder: Es gibt "Kindergeschichten", es gibt den "Elternsprechtag", es gibt niemals sentimentale Reminiszenzen an eine Kindheit und Jugend in Kärnten.

Die früheren Erzählungen stehen auch in der Tradition der Bernhard'schen Kurzprosa (man könnte, wenn das nicht so hochgestochen klänge, auch Kafka und Kleist nennen). In ironischer Manier stellt sich Fian dem Schreiben nach Bernhard in der Erzählung "Bei Suhrkamp": Der Autor treibt da ein Verwirrspiel um Peymann, Bernhard und "Ich". "Ich ist ein anderer", heißt ein Dichterwort Arthur Rimbauds, das gerne zitiert wird, wenn es um die Auflösung der Identität in der Moderne geht, und das ist wohl richtig. "Ich" ist aber mehr noch: viele andere. Inmitten dieser vielen anderen die eigene Stimme zu bewahren, darauf kommt es an, in der Literatur wie im Leben. Von Literatur(betrieb) und Leben handeln viele der Fian'schen Texte. Dabei kommt weder das Leben, wie es ist, noch die Literatur zu kurz.

Bernhard Fetz in FALTER 16/2004



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