Josef Frank. Eine Moderne der Unordnung

Iris Meder, Anna Bieber, Tano Bojankin, Hermann Czech, Georg...


Humanistisch gebaut

Das Jahr 1968 fand in Wien nicht an den Universitäten statt, sondern, etwas verspätet, unter anderem in Weidlingau am westlichen Stadtrand. Den 1969 ausgeschriebenen Wettbewerb eines betreuten Zentrums für gefährdete Kinder und Jugendliche gewann der Architekt Anton Schweighofer mit einem Konzept, das kein geschlossenes Heim vorsah, sondern eine urbane Verdichtungszone mit teilweise öffentlicher Nutzung. Als die Stadt des Kindes 1974 eröffnet wurde, war sie ein reformpädagogisches ebenso wie ein architektonisches Vorzeigeprojekt, das in der internationalen Fachpresse vielfach publiziert wurde.
Am Rand des Wienerwaldes plante Schweighofer eine Anlage mit der kleinstädtischen Struktur einer zentralen Piazza, die zwei parallele Trakte verbindet. Zum Wald hin liegen, kammartig gereiht, fünf Familienhäuser, in denen Kinder in Kleingruppen mit betreuenden Pädagogen lebten. Wer einmal Gelegenheit hatte, die Häuser von innen zu sehen, kann Schweighofers Fähigkeit nur bewundern, unterschiedliche Raumstrukturen von privaten Rückzugsbereichen über halböffentliche Zonen bis zu Gemeinschaftsräumen zu schaffen. Lichtdurchflutete Atrien nehmen die Treppenhäuser auf, unter den Treppen entstanden höhlenartige Rückzugsräume mit Bullaugenfenstern zu den seitlichen Terrassen. Für kleinere Kinder müssen diese geschützten Spielbereiche paradiesisch gewesen sein. Terrassen auf allen Ebenen und nach allen Himmelsrichtungen verbinden die Wohneinheiten miteinander.
Mit dem Bauen für Kinder hatte Schweighofer Erfahrung – unter anderem hatte er einen Kindergarten in St. Andrä-Wördern und SOS-Kinder­dörfer in Indien und Korea realisiert, zeitgleich mit der Stadt des Kindes entstand außerdem der Kindergarten Allentsteig. Schweighofer berief sich dabei immer auf das Recht der Kinder auf eine auch architektonisch lebenswerte Umgebung.
Diese humanistische Grundhaltung ist in der Stadt des Kindes überall zu spüren. Eine Vielfalt von unterschiedlich großen nutzungsneutralen Innen- und Außenräumen und Freiflächen prägt die Anlage. Offene Gänge auf mehreren Ebenen verbinden die Familienhäuser untereinander und mit dem straßenseitigen Trakt. Dort liegen in den hotelartig strukturierten oberen Stockwerken zweigeschoßige Miniapartments für Jugendliche, die deren Bedürfnis nach Eigenständigkeit respektieren, außerdem verschieden große Veranstaltungsräume mit variabler Nutzung, auf Straßenlevel die öffentlichen Einrichtungen wie Schwimmbad, Sporthalle, Keramikwerkstatt, Café und Theater.

Das progressive Konzept einer sozial durchlässigen Einrichtung ging auf, lokale Hausfrauen nutzten Sportplatz und Turnhalle, Kinder aus der Stadt des Kindes freundeten sich mit solchen aus den umliegenden Einfamilienhausvierteln an. Eine Bronzeplastik von Maria Biljan-Bilger hieß Ankommende willkommen, Mauern gab es nicht. Eine offene Durchfahrt, flankiert von einem turmartigen Personalwohnhaus, bildete den Eingang. Es soll nach den Plänen der Stadt Wien ebenso abgerissen werden wie drei der fünf Familienwohnhäuser, Theater, Café und ein Großteil des Jugendlichen-Wohnbereichs, insgesamt rund zwei Drittel des Komplexes. Die Pläne dieser willkürlichen Amputation vergleicht der Architekt Hermann Czech mit einem Teilabriss des Karl-Marx-Hofes. Auch der Döblinger Gemeindebau, man mag sich bei der Stadt daran dunkel erinnern, war einmal ein Vorzeigeprojekt des Roten Wien.

Iris Meder in FALTER 30/2008



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