Augustschnee

Olja Savičević


Eine Jugend im auseinanderbrechenden Jugolslawien, das gab schon so manchen Stoff zu Geschichten, die im deutschen Sprachraum immer gerne rezipiert wurden. Wobei man zu den Geschichten der 1974 in Split geborenen Olja Savic¡evicŽ anmerken muss, dass in ihnen jene historischen Ereignisse, die die Region in den Fokus der Welt-Wahrnehmung katapultiert haben, kaum gestreift werden. Es sind eigenwillige Jugendliche und junge Erwachsene (selten ältere Leute), die die vier, fünf Seiten kurzen Storys bevölkern. Sie sind gerne unterwegs oder träumen von der Ferne, nehmen manchmal Drogen und scheinen dem langen Schatten des Kommunismus mühelos entkommen zu sein – ganz normale Europäer sozusagen, die sich für Sex, Musik, Beziehungen, ihr Körpergewicht und ihren eigenen, schrägen, inneren Kosmos interessieren. Sie versuchen mit dem Bobbycar bis "Australien" zu fahren, halten sich einen Mann als "Sklaven", schießen aus Verzweiflung um den toten Geliebten auf den Spiegel, schreiben Liebesbriefe für fremde Leute oder machen gar Urlaubsvertretung für eine Heilige. Olja Savic¡evicŽ lässt sich offenbar literarisch nichts vorschreiben, ihre Geschichten sind sprachlich fein gearbeitet (und exzellent übersetzt von Blaz¡ena Radas), phantasievoll, welthaltig, respektlos, verwegen, humorvoll und trotzdem voll Tiefblick, bisweilen ein wenig kryptisch oder abstrus, aber nicht zu ihrem eigenen Schaden. Wie wohl ein Roman mit diesen Attributen aussähe?

Kirstin Breitenfellner in FALTER 29/2008



ANZEIGE


FALTER abonnieren
×