In 80 Tagen um die Welt

Helge Timmerberg


Diesmal war sich Helge Timmerberg gar nicht sicher, ob er aufbrechen sollte – doch dann fand sich der Reisejournalist im Zug nach Italien wieder. Und schließlich fuhr er doch "In 80 Tagen um die Welt". Für sein neuestes Buch ist der Deutsche der Route von Jules Verne gefolgt – wenn auch mit einigen Kurskorrekturen. Heraus kam eine weitere charmante Reiseerzählung. Timmerberg gibt sich in seinen Büchern eben nicht mit pompösen Denkmälern oder goldenen Sandstränden ab, er schildert Begegnungen mit Einheimischen und besondere Momente, die viel über die Seele eines Landes, ja sogar über den Menschen an sich verraten. Und er tut das mit so viel Witz und wunderbar salopper Sprache, dass selbst Banales faszinierend klingt und die tiefste Depression Mut verleiht. Mit Tokio kann sich der Weltenbummler zum Beispiel nicht so recht anfreunden – bis er die Bar der "Zen-coholics" findet. Dort sitzen einsame Japaner, starren geradeaus und betrinken sich alleine. Für Timmerberg sind sie die modernen Samurais: "Sie lehren mich, dem Unglück aufrecht ins Auge zu sehen und den Blick schweigend zu ertragen. If you stand depression here, you'll stand it anywhere." Obwohl Timmerberg fast jedes Land dieser Erde besucht hat, lernt er immer noch dazu. Weisheiten, die er in kleinen Portionen an seine Leser weitergibt, ohne dabei besserwisserisch zu wirken. Das ist man schon von seinen früheren Büchern, etwa dem wunderbaren "Tiger fressen keine Yogis", gewohnt. Doch im Vergleich zu seinen früheren Texten gestaltet sich die Reise diesmal schwierig. Zuerst will er gar nicht abreisen, dann plagt ihn das Heimweh, und schließlich kommt er zum Schluss, dass es ihm daheim in Berlin doch am besten gefällt. Das ist ungewöhnlich, kannte man den Journalisten bisher doch als Rastlosen, den ununterbrochen die Ferne lockte. Aber Timmerberg ist mittlerweile immerhin 56 Jahre alt und seit über dreißig Jahren für Printmedien wie Tempo, Bunte oder das SZ-Magazin unterwegs. Also ist "In Achtzig Tagen um die Welt" nicht bloß eine literarische Welttournée, sondern auch Timmerbergs Abschied vom Tramperdasein. Der Reiseveteran will Wurzeln schlagen. Mal sehen, ob ihm das gelingt.

Ingrid Brodnig in FALTER 29/2008



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