Vier Juden auf dem Parnass. Mit Fotokunst von Gabriele Seethaler

Carl Djerassi, Gabriele Seethaler


Wehe, Sie schreiben das!

Carl Djerassi wurde 1923 in Wien geboren und studierte nach seiner Flucht vor den Nazis in den Vereinigten Staaten Chemie. Anfang der 50er-Jahre gelang ihm die erste Synthese eines steroidalen oralen Kontrazeptivums, vulgo "die Pille". Bis zu seiner Emeritierung lehrte "die Mutter der Pille" (so der Titel seiner Autobiografie) an der Stanford University. Seit Mitte der 60er-Jahre sammelt Djerassi Werke des Schweizer Künstlers Paul Klee (1879–1940), dem derzeit eine Ausstellung in der Albertina gewidmet ist. Rund die Hälfte der 151 überwiegend grafischen Werke stammt aus der Sammlung Djerassi; der Wissenschaftler stellte sie dem Museum als Schenkung in Aussicht. Die Albertina selbst besitzt ein Konvolut von Klee-Grafiken aus dem Nachlass von Alfred Kubin; die beiden Künstler waren miteinander befreundet.
Seit den 80er-Jahren veröffentlicht Djerassi auch Kurzgeschichten, Romane und Theaterstücke. In Djerassis neuestem Buch "Vier Juden auf dem Parnass" spielt Paul Klee eine zentrale Rolle. In der Art philosophischer Dialoge, wie sie in der Renaissance auch von Naturforschern verfasst wurden, unterhalten sich die Philosophen Theodor W. Adorno und Walter Benjamin, der Religionshistoriker Gershom Scholem und der Komponist Arnold Schönberg über jüdische Identität; wiederkehrendes Thema ist Klee. In seinem berühmten Text "Über den Begriff der Geschichte", 1939 kurz vor dem Selbstmord im französischen Exil verfasst, beschreibt Benjamin Klees Zeichnung "Angelus Novus", die er 1921 gekauft hatte, als Sinnbild für eine zu Trümmern zerfallende Geschichte. Das Bild gelangte nach Benjamins Tod in den Besitz von Adorno, dann in jenen Scholems; heute gehört es dem Israel Museum in Jerusalem. Arnold Schönberg vertritt in den etwas hölzernen, dem Kalauer nicht abgeneigten Gesprächen den Standpunkt des Autors. Im Oktober feiert Djerassi seinen 85. Geburtstag.

Falter: Ich habe Ihnen ein Buch über Paul Klee aus dem Jahr 1920 mitgebracht. Kennen Sie das?
Carl Djerassi: Nein. Ist der "Angelus Novus" drin? Das Bild hier schaut ein wenig wie der "Angelus Novus" aus. Es ist ein wunderbares Bild; es gehörte Frau Rosengart. Das da gehört mir.
Ein Jahr nach Erscheinen des Buchs hat Benjamin den "Angelus Novus" gekauft.
Wann hat Benjamin es gekauft, wann hat er darüber geschrieben, was haben andere über Benjamins Texte geschrieben? Blablabla. Niemand hat gefragt, was sich Klee 1920 selbst gedacht hat, als er das Bild malte. Als es 67 Jahre danach ins Museum kam, war es schon weltberühmt. Wäre ich Klee, würde ich fragen: warum? Es ist ein gutes Bild von mir, aber nicht das beste. Es ist weltberühmt, weil Benjamin es analysiert hat. Das würde mich irritieren. Das ist eine Beleidigung für mich als Maler. Geht es in dem Interview eher um die Ausstellung oder um das Buch?
Um beides.
Haben Sie es schon gelesen?
Ja. Aber erklären Sie uns dennoch, worum es geht.
Ein Chemiker wird zum Kunsthistoriker und untersucht zwei wichtige Klees, "Angelus Novus" und "Vorführung des Wunders", die beide Lücken in der Provenienz haben. Beim "Angelus Novus" steht im großen Catalogue raisonné "Sammlung Benjamin" und dann "Geschenk Scholem an das Jerusalem Museum" – aber nichts darüber, wie es von Benjamin zu Scholem gekommen ist. Für Kunsthistoriker ist die Provenienz der Beweis der Authentizität. Sie hat aber auch mit der Fetischisierung des Bilds zu tun. Ich habe viele Klees, die wichtiger sind als der "Angelus Novus". Sie sind aber nicht so berühmt, auch wenn ich darüber geschrieben habe. Ich bin ja nicht Benjamin.
Was stört Sie eigentlich an Benjamins Interpretation?
Er hat das Bild nicht nur interpretiert, sondern es hergenommen, um es für seine These zu gebrauchen, in einer Art, die nichts mit dem Bild zu tun hat. Er hat Sachen hineininterpretiert, die einfach nicht wahr sind. Er sieht überall Trümmer, wo gar keine sind.
Könnte man nicht sagen, ein Bild ist so gut wie die Texte, die darüber geschrieben werden?
Das darf nicht sein. Dann wäre ja auch der Rezensent eines Buches wichtiger als die Intention des Autors. Zuerst sollte man den Künstler fragen: Was sagen Sie dazu? Viele sagen dann zwar: Was für eine blöde Frage, ich kann das nicht erklären. Aber Klee ist ein besonderer Fall. Er hat jedem Bild einen Titel gegeben. "Angelus Novus" ist ein wunderbarer, komplizierter Titel. Was bedeutet er? Ist er ein Hochstapler, ein Parvenü? Bedeutet "novus" hier "neu", "jung" oder "verschieden"?
Es ist ja nicht nur Klees Bild verschlüsselt, sondern auch Benjamins Text. Es gibt ganze Bibliotheken, die sich damit beschäftigen.
Mit dem Text! Die meisten Leute haben das Bild gar nicht gesehen – oder nur eine schlechte Reproduktion.
Vielleicht ist der Text ja interessanter als das Bild.
Ah! Das akzeptiere ich. Aber dann ist es ein Bild für Blinde. Für mich steht aber die visuelle Komponente im Vordergrund.
Aber ein Großteil der modernen Kunst ist doch eine Kritik am Visuellen und eine Aufwertung der Ideen und Texte.
Ich habe vor fünf Jahren in Heidelberg eine Ausstellung mit dem Titel "Klee trifft Beuys" gesehen. Von Beuys gab es hauptsächlich Zeichnungen in der Größe der Bilder Klees. Ich war
von dieser Gegenüberstellung beeindruckt, aber ich sammle Beuys nicht. Er interessiert mich intellektuell, aber nicht ästhetisch.
Heißt das, die Ideen in der Kunst sind weniger wert als die Materialität des Werks?
Wehe, Sie schreiben das! Ich sage nur, für mich als Sammler gibt es drei Kategorien. Erstens: Mit diesem Bild möchte ich am Morgen aufwachen. Zweitens: Es ist ein interessantes Bild, aber ich möchte es nicht haben. Die dritte Kategorie: Für mich ist es Dreck. Ich habe nach dem Selbstmord meiner Tochter eine Künstlerkolonie gestiftet. Viele von ihnen machen Konzeptkunst. Diese Arbeiten gefallen mir, aber ich sammle sie nicht. Es gibt auch Leute, die bereit sind, Millionen für einen Ad Reinhardt auszugeben: schwarz, weiß, grau. Ich würde nicht einen Dollar dafür zahlen. Das ist aber nicht wertend gemeint.
Bleiben wir bei Benjamin: Wie interpretieren Sie eigentlich seinen Text "Über den Begriff der Geschichte"?
Da muss ich Sie enttäuschen. Philosophie ist die große Lücke in meiner Ausbildung. Das hat mit dem Timing meiner Emigration aus Wien zu tun. Ich bin mit 14 weggegangen, nach der vierten Klasse Gymnasium, wo es noch keinen Philosophieunterricht gab. Das Einzige, das ich von Benjamin gelesen hatte, bevor ich begann, an diesem Buch zu arbeiten, war "Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit". Auch über Adorno wusste ich gerade einmal, wer er war. Als Autodidakt habe ich keinen Sinn darin gesehen, alle Werke zu lesen. Ich wollte wissen, wer waren die als Menschen?
Paul Klee ist einer der am meisten reproduzierten Künstler. Man nennt ihn auch einen "poster artist".
Aber das beschränkt sich auf gewisse Bilder. Das sind nicht die Bilder, die ich gesammelt habe.
Glauben Sie, dass sein Werk – entsprechend Benjamins These über die technische Reproduzierbarkeit – dadurch seine Aura verloren hat?
Nein.
Ich schon.
Freut mich, dass wir hier sitzen und nicht nur "Ja, ja, ja!" sagen! Intellektuell kann ich Benjamins Argument verstehen. Ich habe ein ganzes Theaterstück darüber geschrieben, es heißt "Fallstricke". Es geht darin um den "Jüngling vom Magdalensberg", eine römische Statue aus der Antikenabteilung des Kunsthistorischen Museums. Es hieß, es sei die älteste erhaltene Skulptur, die nördlich von Italien gefunden wurde. Vor 20 Jahren haben Chemiker nachgewiesen, dass es ein Abguss aus dem 16. Jahrhundert ist. Abgüsse einer Skulptur sind wie Klone.
Wie kommen Sie eigentlich zum Ausdruck "Porno-Adorno"?
So hat ihn bis dahin niemand genannt. Borges spricht in einem Gedicht von Golem-Scholem. Da habe ich mir gedacht: Porno-Adorno, das passt wunderbar.
Aber eigentlich geht es bei Ihnen ja um Porno-Benjamin.
Das ist nicht wahr. Adornos Sexleben war kompliziert. Ich habe in seinem Tagebuch zwei Sätze über einen Tag gelesen, den er mit einer Masochistin namens Carol in New York verbracht hat. Er schreibt von "meiner Lieblingsmasochistin", das heißt, dass er nicht nur eine kennt. In seinen Traumprotokollen schreibt er: "Ich bin in ein fantastisches Bordell gegangen und die Madame ist dort gesessen und statt mir Frauen zu präsentieren, gibt sie mir ein Formular zum Ausfüllen: Name, Vorname, Versicherungsnummer, hygienische Praktiken. Gebrauchen Sie eine Schwanzwaschmaschine?" Das war Porno-Adorno. Er war, anders als Georges Bataille, ein fröhlicher Pornograf.
Benjamin hatte bei seinem Tod eine Aktentasche bei sich. Was ist Ihre These dazu?
Es wurde viel darüber geschrieben. Rolf Tiedemann war überzeugt, es waren Auszüge aus dem "Passagen-Werk" drin. Alle nahmen an, dass sie etwas enthielt, das nach seinem Tod nicht verloren gehen sollte. Meine These ist, die wichtigen Sachen hat er alle bei Georges Bataille in der Bibliothèque National zurückgelassen.
Was war also drin?
Etwas, von dem er nicht wollte, dass andere Leute es sehen, wenn er stirbt. Er hat Angst gehabt, sich geschämt. Oder es war ein unfertiges Werk, und er wollte nicht, dass die Konkurrenz erfährt, woran er arbeitet. Dieses Motiv ist psychologisch unlogisch, weil er immer über alles, was er geschrieben hat, korrespondierte. Also müssen Angst oder Scham das Motiv sein. Ich habe die Verbindung Benjamins zu Bataille studiert. Bataille war der wichtigste literarische Pornograf der Zeit. Sie haben beide in der Bibliothèque National gearbeitet. Bataille hat ihm über das Bordell vor der Bibliothek erzählt. Im "Passagen-Werk" sind Bordelle sehr wichtig. Ich bin mir sicher, dass sie über Pornografie diskutiert haben.
Hat vielleicht auch Pornografie durch ihre massenhafte Verbreitung ihre Aura verloren?
Ja. Deshalb interessieren mich auch keine Pornovideos. In meinem zweiten Roman wollte ich über die Sexualität einer älteren Frau schreiben. Da habe ich ein Interview mit einer Sexberaterin gemacht, die darauf spezialisiert ist. Sie hat mich erst einmal gefragt, ob ich Pornofilme anschaue. Ich habe gesagt: "Nein, sie langweilen mich, weil sie immer dasselbe zeigen." Dann erzählte sie mir von Candida Royalle. Das ist ein Pornostar, der Filme für Frauen macht. Der Punkt ist immer die Befriedigung der Frau – und dass sie nie Sex mit mehreren Personen hat. Ich habe mir diese Filme gekauft und sehr erregend gefunden.

Matthias Dusini in FALTER 28/2008



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