Komplexitäten. Warum wir erst anfangen, die Welt zu verstehen

Sandra Mitchell


Einfach komplex

Dass die Bände der neu gegründeten edition unseld des Suhrkamp Verlags eher schmal sind, vermindert die Hemmung, sich mit ihren anspruchsvollen Themen auseinanderzusetzen. Sie treten mit unterschiedlichem Erfolg den Beweis an, dass man komplexe Inhalte nicht unbedingt auf hunderten von Seiten auswälzen muss, um erkenntnistheoretischen Gewinn davonzutragen. Um Erkenntnistheorie geht es auch gleich im ersten Band. In "Komplexitäten. Warum wir erst anfangen, die Welt zu verstehen" gelingt der Professorin für Wissenschaftstheorie Sandra Mitchell das Kunststück, auf einfache Weise darzustellen, warum einfache Modelle der Wissenschaft sich angesichts der Wirklichkeit komplexer Systeme als unzulänglich erwiesen haben. Als Ersatz schlägt Mitchell die Methode des integrativen Pluralismus vor.
Seit Jahrhunderten, so Mitchell, bemühe sich die Wissenschaft, die Welt anhand simpler, universell gültiger, zeitloser Grundprinzipien zu erklären. Und das durchaus mit einigem Erfolg. Allerdings wird dieses reduktionistische Prinzip nicht allen Arten von Wirklichkeit gerecht – der Physik vielleicht eher (aber auch nicht mehr ausschließlich), an Phänomenen, die etwa Biologie, Medizin oder Meteorologie untersuchen, wie Depressionen, die Arbeitsteilung bei Insekten, der Klimawandel oder die Evolution der Arten, muss dieses notwendigerweise scheitern. Das heißt, es führt weder zu sicheren Voraussagen noch zu vernünftigen Handlungsanweisungen.
Mitchells Hauptthese lautet: "Wenn wir komplexe Systeme verstehen und handhaben wollen, müssen wir unseren Begriff von Erkennen und Handeln überdenken." Und das fortlaufend, denn da die Welt in stetigem Wandel begriffen ist, muss sich auch unser Wissen ständig wandeln. Und da Voraussagen in komplexen Systemen mit instabilen Kausalzusammenhängen innerhalb verschiedener Ebenen und somit mit großer Unsicherheit rechnen müssen, schlägt sie vor, darauf mit ­anpassungsorientiertem Management und dynamischer, fortlaufender, von Rückkopplung geprägter Strategie der Entscheidungsfindung zu reagieren. "Das alles ist nicht so einfach, wie wir es uns vielleicht wünschen würden, aber das gleiche gilt auch für die Welt, mit der wir zurechtkommen wollen."

Kirstin Breitenfellner in FALTER 28/2008



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