Franz Kafka. Bilder aus seinem Leben. Veränderte und erweiterte Ausgabe mit vielen Photographien...

Klaus Wagenbach


Kafka im Bild

Franz Kafka muss ein höflicher und angenehmer Mensch gewesen sein. In der Kafka-Gemeinde geht es allerdings nicht immer so friedlich zu. Zwei, die sich einst gut verstanden haben, sind zuletzt aneinandergeraten: Klaus Wagenbach und Hartmut Binder. Wagenbach, einer der Ersten, die sich an die Entmystifizierung Kafkas machten, und der sich selbst gerne mit dem Titel "älteste Kafka-Witwe" schmückt, hat vor einiger Zeit den erstaunlichen Band "Franz Kafka. Bilder aus seinem Leben" herausgegeben und sensationelles, zerstört oder verschollen geglaubtes Material zusammengetragen – eine erweiterte Neuauflage des Buches demonstriert glanzvoll diese Pioniertat.
Noch mehr Bilder hat kürzlich der Germanist Hartmut Binder in einer Ausstellung präsentiert und in einen imposanten, schweren Bildband gesteckt: "Kafkas Welt". Der Titel untertreibt nicht, denn man findet darin alles – Bilder jeglicher Orte und Menschen, die Kafka auch an entlegenen Stellen erwähnt. Zuweilen fühlt man sich erschlagen und stellt vorsichtig die Frage, ob man es so genau denn wirklich wissen muss. 1200 schon bekannte, aber auch viele neue Dokumente sind es insgesamt, die einen in die Lebenswelten Kafkas führen und vielfache Querverweise zu seinem Werk herstellen.
Nun gönnt der eine dem andern jedoch die Lorbeeren nicht, und Wagenbach wirft Binder vor, sich in seinem Archiv bedient zu haben. An ihm kam eben lange Zeit keiner vorbei, der Originaldokumente aus Kafkas Prager Welt suchte. Jetzt hat Binder, der auf andere Quellen verweist, mindestens gleichgezogen.
Aber mit Autorenwitwen ist nicht zu spaßen. Wagenbach weiß sich mit kleinen Spitzen zu rächen, zuletzt in der Zeitschrift Literaturen, wo er von dem "verdienstvollen, gegenüber Kafka aber verständnislosen Hartmut Binder" spricht.
Wir verhalten uns in diesem Falle ganz diplomatisch: Wen auch kleinste Details interessieren und wer zu den gezeigten Fotos gleich ausführlich zitierte Quellen geliefert haben möchte, halte sich an Hartmut Binder. Wem ein schön gestaltetes Kafka-Lesebuch mit den wichtigsten "Bildern aus seinem Leben" genügt, der ist bei Klaus Wagenbach an der richtigen Adresse.

Ulrich Rüdenauer in FALTER 27/2008



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