Die ungeheuere Welt, die ich im Kopfe habe

Louis Begley, Christa Krüger


Stellen wir uns einmal vor, Franz Kafka wäre ein weitgehend unbekannter Autor. Man wüsste nichts über seine Biografie, und niemand hätte sich in Prager Archiven getummelt, um auch noch die letzten amtlichen Vermerke des Versicherungsbeamten ans Tageslicht zu befördern. Nehmen wir weiter an, die Germanistik hätte einen großen Bogen um diesen böhmischen Sonderling gemacht und nur ein paar Spezialisten wären der suggestiven Schönheit von Kafkas Sprache erlegen. Mit anderen Worten: Gehen wir davon aus, Kafka wäre auch heute noch das große Rätsel, als das er den ersten Interpreten und Biografen erschienen sein muss, ein enigmatischer Autor der Moderne. Dann, ja, dann würden wir Louis Begleys Großessay "Die ungeheuere Welt, die ich im Kopfe habe" mit heißen Ohren lesen, würden diesem fremden Kafka dank Begleys biografischer Skizze aufgeregt folgen und dann auch noch sein Werk nacherzählt bekommen.
Allein, das ist eine Fantasie. Wer heute etwas zu Kafka sagt, sollte etwas Neues zu sagen haben: Der amerikanische Jurist und Schriftsteller Louis Begley aber bringt vor allem Altbekanntes. Erwarten würde man eine intime Lesart, die uns Kafka durch die Augen eines Literaten neu entdecken lässt; stattdessen erhält man einen Aufguss von nicht mehr taufrischen Erkenntnissen, die noch nicht einmal sehr originell vorgetragen werden.

Ulrich Rüdenauer in FALTER 27/2008



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