Kafka. Die Jahre der Erkenntnis

Reiner Stach


Urlaub oder Krieg?

Als 2002 der erste Teil von Reiner Stachs großer Kafka-Biografie erschien, "Die Jahre der Entscheidungen", regierte die Kafka-Gemeinde gespalten: Die einen fanden, dass dieser empathische Blick auf das Leben ihres Säulenheiligen diesem gar nicht gerecht würde. Die anderen schätzten gerade den romanhaften Ansatz Reiner Stachs. Dabei war die Arbeit des ehemaligen Sachbuchlektors an wissenschaftlicher Akribie kaum zu überbieten: In jahrelangen Recherchen hatte Stach kleinste Details zu einem großen, facettenreichen Bild verbunden und einen eigenen, faszinierenden Ton für sein Buch gefunden. "Die Jahre der Entscheidungen" behandelt die Zeit zwischen 1910 und 1915 – den Ausbruch von Kafkas Schreibgenie und die Begegnung mit Felice Bauer. Nun legt Stach den zweiten Band vor: "Die Jahre der Erkenntnis", der Kafkas Spuren zwischen 1915 und seinem Tod im Jahr 1924 folgt. Das letzte Buch, das sich mit den Kindheits- und Jugendjahren beschäftigen soll, wird die dreibändige Biografie abschließen: Stach wird dafür den noch in Tel Aviv liegenden Nachlass Max Brods einsehen können.

Falter: Am ersten Band Ihrer Kafka-Biografie haben Sie sechs Jahre lang gearbeitet. Den zweiten Band wollten Sie schneller beenden – nun sind es aber doch wieder sechs Jahre geworden. Auf welche Schwierigkeiten sind Sie gestoßen?
Reiner Stach: Im zweiten Band waren wesentlich mehr politische und wirtschaftliche Ereignisse zu schildern, in die Kafka direkt involviert war. Was in der Zeit des Ersten Weltkriegs in Kafkas Lebenswelt vor sich ging, lässt sich nicht über direkte Quellen erfahren. Die Medien waren damals zensiert. In den Zeitungen der Zeit – ich habe sehr viel im Prager Tagblatt oder in der Wiener Neuen Freien Presse gelesen – stößt man auf etliche weiße Flecken. Die wirklichen Katastrophen waren neben den militärischen Niederlagen die Unfähigkeit der Behörden, die Versorgung der Bevölkerung aufrechtzuerhalten, die Verrohung des zivilen Lebens und die immer aggressiveren Konflikte zwischen den verschiedenen Nationalitäten innerhalb Österreich-Ungarns – all das stand natürlich nicht in der Zeitung oder allenfalls zwischen den Zeilen. Man muss solche geschichtlichen Ereignisse als Biograf über Umwege recherchieren, teilweise über Aufsätze von Historikern, teilweise aber auch über tschechische Quellen. Und da ich leider des Tschechischen nicht mächtig bin, hat sich das sehr umständlich gestaltet. Ähnliches gilt übrigens auch für die schlimme Inflationszeit, die Kafka in Berlin durchgemacht hat. Auch da genügt es keineswegs, die Tagespresse zu studieren. Ich hatte die große Mühe, Quellen ausfindig zu machen, und die mangelnde Objektivität der Primärquellen unterschätzt.
Der Erste Weltkrieg hat Kafka auf verschiedenen Ebenen erschüttert. Bisher hat die Forschung das allerdings meist als Nebenschauplatz
betrachtet und dafür die scheinbar weltabgewandten Zeilen Kafkas aus seinem Tagebuch angeführt: "Heute hat Deutschland Rußland den Krieg erklärt – Nachmittag Schwimmschule." In Ihrem neuen Buch aber nimmt diese Katastrophe einen sehr großen Raum ein.
Ich würde sogar sagen, dass der Erste Weltkrieg Kafkas Leben auf allen Ebenen massiv beeinflusst hat. Die Beziehung zu seiner langjährigen Verlobten beispielsweise wurde erheblich erschwert, denn Kafka durfte als Militärpflichtiger nur unter strengen Auflagen ins Ausland reisen, und Felice Bauer lebte in Berlin. Zudem sind die sozialen Kontakte abgerissen, die er außerhalb von Prag geknüpft hatte und die wahrscheinlich für seine Entwicklung als Schriftsteller sehr wichtig gewesen wären. Kafka war durch den Krieg zurückgeworfen auf seinen sehr kleinen Prager Bekanntenkreis, und das hat ihm intellektuell nicht gutgetan. Des Weiteren hat er durch den Krieg alle Ersparnisse verloren, die er sich für den Fall zurückgelegt hatte, dass er tatsächlich den Absprung schaffen und als freier Schriftsteller zu arbeiten versuchen würde. Er fühlte sich moralisch genötigt, als Beamter sein Geld in Kriegsanleihen anzulegen – und die waren irgendwann wertlos geworden. Der Hunger, den er erlebt hat, und die völlige Verwahrlosung von Prag müssen auch außerordentlich deprimierend gewesen sein. 1918 hat er seine Heimatstadt kaum noch wiedererkannt: Alles war dunkel, alles war kalt, alles war schmutzig, es fuhren keine Straßenbahnen mehr, und auf der Straße ging es gewalttätig zu. Es war hochgradig ungemütlich geworden, und für Juden sogar bedrohlich. Das alles spielt eine große Rolle, auch in Hinblick auf sein Schreiben. Er verliert zu dieser Zeit offensichtlich die Lust am Erzählen. Nun geht es ihm vielmehr darum, den Stand der Dinge zu reflektieren, den äußeren wie den inneren. Er versucht, eine Bilanz dessen zu erstellen, was ihm noch geblieben ist und welche Fluchtmöglichkeiten bestehen.
Kafka war kriegstauglich und wollte erstaunlicherweise in den Krieg ziehen – war das eine der Fluchtmöglichkeiten?
Das war eine ganz eigenartige Situation. Kafka ging zu seinem Vorgesetzten und sagte: Entweder Sie stellen mich frei, sodass ich Soldat werden kann, oder Sie geben mir zwei Jahre unbezahlten Urlaub. Das muss man sich vorstellen: Urlaub oder Krieg! Schon an dieser Alternative sieht man, dass Kafka nicht vorrangig daran gelegen war, sich aus patriotischen Gründen in den Schützengraben zu begeben; er wollte vielmehr der Versicherungsanstalt entfliehen. Er wollte endlich dieser Büroarbeit, die er als eine absurde Fron empfunden hat, entkommen. Und er wollte weg aus Prag, weil er das Gefühl hatte, in einem toten Gewässer zu treiben.
Kafka unternimmt immer wieder solche Versuche, sein Leben radikal zu ändern: Er prescht vor und schreckt dann doch wieder zurück oder wird von den Umständen
gehindert. Erst durch seine bedrohliche Tuberkulose-Erkrankung und in Todesnähe scheint man bei ihm eine Konsequenz des Handelns ausmachen zu können.
Kafka hat für Entscheidungen oft sehr lange gebraucht, manchmal jahrelang, weil er diese kleine Maschinerie im Kopf nicht abstellen konnte – das ständige Entfalten von Gründen dafür und Gründen dagegen. Wenn wichtige Optionen gar nicht mehr offen sind, dann können Entscheidungen sogar leichterfallen. Das Absurde ist ja: Als Kafka seinen ersten Blutsturz hatte und die Tuberkulose ausbrach, fühlte er sich ein paar Tage lang erleichtert. Es war nun klar, dass niemand mehr von ihm verlangen konnte, ein bürgerliches Leben zu führen wie alle andern. Einige Tage lang hat er wunderbar geschlafen.
Worin besteht die Erkenntnis,
von der im Titel Ihres Buches
die Rede ist?
Defizite bestehen zu lassen, wie sie sind, und nicht mehr zu versuchen, das eigene Wesen zu vergewaltigen, wie er es in der Beziehung mit Felice Bauer ja sehr lange versucht hat.
Die Emanzipation scheint auf der Ebene der Literatur früher vonstattenzugehen als im Leben. Es gibt eine zweite gescheiterte Verlobung mit Julie Wohryzek und eine intensive, aber ebenfalls unglückliche Beziehung zu Milena Jesenská.
Die zweite Beziehung zu Julie Wohryzek war der letzte, inadäquate Fluchtversuch. Damals hätte er fast geheiratet, es kam aber ein Zufall dazwischen, der diese Heirat scheitern ließ. Für ihn – so war Kafkas Weltbild – war das aber ein Wink von ganz oben. Etwas ganz anderes ist die Geschichte mit Milena. Das hätte klappen können, aber in diesem Fall konnte Milena nicht. Sie war nicht nur verheiratet, sondern von ihrem Mann Ernst Pollak auch massiv abhängig. Zugleich hatte sie Angst vor Kafkas asketischer Einstellung; sie wollte nicht seine Probleme teilen, was sie übrigens später sehr bedauert hat. An Max Brod schrieb sie einmal: "Kafka ist von uns allen der einzig Gesunde." Milena hat Kafka sehr bewundert und ihn für den einzigen nichtkorrumpierbaren Menschen gehalten – und das will einiges heißen, denn sie hat in Wien einen riesigen Bekanntenkreis gehabt.
Kafkas Frauen – ein langes Kapitel. Es gibt aber eine fortdauernde Beziehung zu einer Frau, die von großer Wichtigkeit ist, nämlich die zu seiner Schwester Ottla.
Kafka selbst hat gesagt, seine jüngste Schwester Ottla sei so, wie er sich eigentlich seine Mutter gewünscht hätte. Ottla hat alles getan für den Franz. Sie hat sich richtiggehend aufgeopfert. Beispielsweise hat sie auf dem Hradschin ein Häuschen gemietet und für sich als Refugium renoviert, um es dann ihrem Bruder als Rückzugsort zum Schreiben zu überlassen. Als Gegenleistung hat er ihr einige Bildungsgüter nahegebracht: Er hat ihr Bücher geschenkt und viel über deutsche Literatur und Philosophie erzählt. Im Kampf gegen die Eltern hat er sie ebenfalls unterstützt – Ottla galt innerhalb der Familie als Rebellin –, wofür sich Kafka von seinem Vater als Halunke beschimpfen lassen musste. Es ist eine hübsche Anekdote überliefert: Einmal gab es wieder so eine Auseinandersetzung, und der Vater brüllte, die Ottla sei doch nicht normal im Kopf. Worauf Franz ganz ruhig antwortete: "Das Unnormale ist nicht das Schlechteste, denn normal ist zum Beispiel der Weltkrieg."
Dass Ottla als Bäuerin aufs Land gehen wollte, hatte nicht zuletzt mit ihrer Lektüre zionistischer Schriften zu tun. Auch Kafka liebäugelte mit zionistischen Ideen.
Ja, aber das lag zunächst auf derselben Ebene wie die Flucht in den Schützengraben und der Wunsch nach zweijährigem unbezahltem Urlaub – eine weitere Hintertür, um aus Prag zu entfliehen. Aber dann wurde diese Idee aufgrund der äußeren Umstände immer wichtiger. Kafka war kein zionistischer Ideologe wie Max Brod. Er hat sich einfach das Leben in Palästina vorgestellt und es natürlich auch ein bisschen idealisiert. Wie alle Juden hat auch Kafka unter dem verbreiteten Antisemitismus gelitten, noch viel mehr aber unter der demütigenden Situation, dass man sich nicht selbst schützen konnte und sich immer wieder auf die Polizei verlassen musste, um in der Stadt überhaupt leben zu können. Er hat das als eine absolute Erniedrigung empfunden, weil er ein starkes Bewusstsein von Würde hatte. Kafka wäre nach dem Krieg wohl wirklich gerne nach Palästina gegangen – aber die Tuberkulose war schon zu weit vorangeschritten.
"Argumente prallten an Kafka ab, doch Blicke durchdrangen ihn bis ins Innerste", schreiben Sie. Wie zeigt sich das in seiner Literatur?
Das spiegelt sich sehr präzise in der Literatur wider, insofern als dort Gesten und Blicke eine herausragende Rolle spielen, wohingegen Argumente erst in den späteren Werken in den Vordergrund rücken. Kafka versucht, etwa im "Verschollenen", die Personen mit wenigen Gesten oder auch Details ihrer Bekleidung so zu charakterisieren, dass man sie wirklich wie im Kino vor sich sieht. Das ist die große Kunst seiner scheinbar so einfachen Sprache. Dieses gestische Moment hat er nicht nur vom Theater oder Kino übernommen, wie man immer gesagt hat; es hängt vielmehr damit zusammen, dass Gesten und Blicke auf ihn selber so eine starke Wirkung hatten.
Wie im ersten Band Ihrer Kafka-Biografie bemerkt man auch in "Die Jahre der Erkenntnis", dass Sie nach einem bestimmten dramaturgischen Konzept und einer "filmischen" Methode vorgehen.
Die Überlegung war tatsächlich, es ähnlich zu machen wie im Film. Ich versuche, einen Wechsel zu schaffen zwischen der Beobachtung intimer Momente aus großer Nähe und Panoramablicken: Man sieht eine Menschenmenge und wie sie reagiert; es wird eine Atmosphäre, die in einer Stadt herrscht, lebendig gemacht; und dann erst setze ich die Figur Kafka in diese Szenerie hinein. Man muss mit einer bewegten Kamera arbeiten, nur so bekommt man ein dreidimensionales Bild.
Ihnen wurde vorgeworfen, Kafka zu einer Romanfigur zu machen und sich zu große schriftstellerische Freiheiten zu nehmen.
Ich habe nichts erfunden, nur manchmal spekuliert, es dann aber als Spekulation kenntlich gemacht. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Nach der Nacht, als Kafka seinen ersten Blutsturz hatte, kommt die Bedienerin in sein Zimmer. Kafka schreibt: "Sie kam herein und sagte zu mir: Herr Doktor, mit Ihnen dauert's nicht mehr lange." Sie sagt das, weil sie wohl den blutbespritzten Waschtisch entdeckt hat – die Frau muss eine Menge Blut gesehen haben. Und dann heißt es in meinem Text: "Das Erste, was sie sah, war der blutbespritzte Waschtisch." Dieser Satz steht nicht bei Kafka, er stammt von mir, aber er füllt eine winzige Plausibilitätslücke. Ich glaube, das ist zu rechtfertigen. Es müsste sich im Übrigen inzwischen herumgesprochen haben, dass meine Biografie keine Fiktion darstellt.
Man kann zum Beispiel sehr genau rekonstruieren, wie Kafkas Zimmer ausgesehen hat. Dazu aber muss man etwa 30 verschiedene Stellen aus Briefen und Tagebucheinträgen zusammentragen und wie Mosaiksteine zu einem Bild zusammensetzen. Offenbar war ich der Erste, der das getan hat. Wie aber soll ich das nun in den Anmerkungen handhaben? Würde ich eine eigene Fußnote zu jedem Detail setzen, dann würde die Lesbarkeit des Buches stark beeinträchtigt und die Anmerkungen, die ich zu weiterführenden Informationen nutze, würde kein Mensch mehr anschauen. Wenn man mir beim zweiten Band noch immer nicht glaubt, dass ich nur mit Fakten arbeite, dann wird es allerdings schwierig. Wie soll ich meine Unschuld beweisen?

Ulrich Rüdenauer in FALTER 27/2008



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