Nase für Neuigkeiten. Vermischte Nachrichten von James Joyce

Sara Danius, Hanns Zischler


Zurück in die Zukunft

Geht es nach Peter Greenaway, so ist das Kino die konservativste aller Künste. "Streik" von Sergej Eisenstein (1924) sei das erste Meisterwerk der neuen ästhetischen Technologie gewesen; seither habe es in der Kinowelt kaum eine Neuerung gegeben, sodass selbst Martin Scorsese im Grund immer noch den gleichen Film mache wie ein D.W. Griffith 60, 70 Jahre vor ihm.
Greenaways polemischer Befund zum gegenwärtigen Stand des Kinos (zuerst 2006 in Lettre International veröffentlicht) kommt in "Zukunft Kino. The End of the Reel World" die Funktion eines Schlüsseltexts zu. Etliche der 20 anderen Beiträger zu dem von Daniela Kloock herausgegebenen Sammelband über die Transformation des Kinos im Zeitalter seiner Digitalisierung nehmen auf ihn Bezug: der Kameramann Benedict Neuenfels, die Filmemacher Edgar Reitz und Tom Tykwer sowie Peter C. Slansky, Professor für Bildtechnik in Köln. Doch über die Mittel, mit denen man der von Greenaway postulierten "Tyrannei" des Texts, der Kamera und des Schauspielers nach über 100 Jahren endlich Herr werden könne, herrscht alles andere als Einigkeit.
Glücklicherweise. Fest steht nur, dass sämtliche Axiome über das, was wir als "Kino" zu lieben gelernt haben, zur Disposition stehen. Das betrifft die Produktion von Filmen ebenso wie ihre Distribution und sogar deren Rezeption (doch selbst dort, wo es um rein ökonomische Fragen geht, stimmen kaum einmal zwei Meinungen überein). Am ehesten wird die "Zukunft Kino" greifbar, wo sie die Ablösung des "reproduzierenden Fotorealismus" vorantreibt: in der digitalen Tricktechnologie, die im Buch anhand eines denkbar schmalen Samples von Filmen ("Jurassic Park", "Terminator 2", "Star Wars", "King Kong") exemplifiziert wird. Die weitreichenden Folgen dieses Prozesses sind kaum absehbar. "Die gefilmte Wirklichkeit ist anders als die vorherige", bringt Georg Seeßlen in seinem ansonsten nur mit Mühe lesbaren Beitrag die Sache auf den Punkt: "Kinematografie ist von ihrem ersten Tag an ein philosophisches Problem."
Ein ganz handfestes Problem, nämlich Konkurrenz, erwächst dem Kino aktuell mit Computerspielen wie "Grand Theft Auto IV", dessen Verkaufserfolg dieser Tage das Einspielergebnis jedes bisherigen Sommerblockbusters übertroffen hat. Mag sein, dass das Computerspiel das Kino schon recht bald als "Leitmedium" ablösen wird; sintemal Interaktivität und Erzähldramaturgie diametrale Gegensätze sind, deren Transfer von einem Medium ins andere bestenfalls als Pointe funktionieren kann – wie schon in "Casanova's Big Night", einem Bob-Hope-Vehikel von 1954, wo am Schluss das Publikum (im Film) darüber "abstimmte", ob Casanova-Bob den Henker oder doch ein Happy End verdiene.
Gerade die Filmschaffenden, die den Schlussteil des aufwendig gestalteten Bandes bestreiten, reagieren in den Gesprächen mit der Herausgeberin gelassen auf visionäre Versprechungen und Verlustdrohungen. "Wenn das Kino sich wirklich verändert und neu erfunden wird", meint etwa Tom Tykwer, "dann wird es nicht mehr das Kino sein, oder?" Und Edgar Reitz, der sich jüngst mit seinen "Heimat-Fragmenten" von den traditionellen Produktionsformen verabschiedet hat, beschreibt seine persönliche Zukunftsvision wie folgt: "Ich bringe meinen Beamer selbst mit, stelle ihn auf den Marktplatz oder ich stelle ihn in eine Turnhalle oder in den Nebenraum einer Gaststätte oder wo auch immer – und los geht's. Das ist wie in der Frühzeit des Kinos! Eine halbe Stunde Arbeit – und schon ist Kino!"

Am 30. Oktober 1904 traf James Joyce, frischbestellter Englischlehrer an der neugegründeten Berlitz School, zusammen mit seiner Frau Nora in Pola ein. Ebendort nahm drei Wochen später auch das Bioscopio Elettrico Teatro seinen Betrieb auf. Carl Friedrich Lifka, ein findiger Entrepreneur, der mit seinem Wanderkino kreuz und quer durch die Monarchie reiste – bis er 1909 mit der Übernahme des Varieté Roithner in Linz eine feste Bleibe fand und in der Folge mehrere Lichtspieltheater begründete –, gastierte zwei Monate in der altösterreichischen Hafenstadt und zeigte ein zweimal die Woche wechselndes Programm: ein wahres "Kino der Attraktionen", das in seinem Reichtum an kurzen und ganz kurzen Filmen noch weit entfernt war von der industriell normierten Produktion, die sich in den 20er-Jahren durchsetzte und uns bis heute geläufig ist.
Diesem frühen Kino der Attraktionen "verwandt" sehen Hanns Zischler und Sara Danius, die Autoren von "Nase für Neuigkeiten. Vermischte Nachrichten von James Joyce", die Rubrik faits divers der Tageszeitungen: jene genuin journalistische Form der Kurzprosa, die dem Walten eines unheilvollen Schicksals, der zum Stenogramm verdichteten Tragödie, zu ihrem Recht verhalf.
In liebevoller Kleinarbeit rekonstruieren Zischler und Danius die paar Monate, die Joyce in Pola ("ein gottverlassener Fleck – ein maritimes Sibirien – 37 Kriegsschiffe im Hafen", wie der angehende Autor seiner Tante Josephine mitteilte) zugebracht hat, beschreiben seinen obsessiven Zeitungskonsum und erkennen in den faits divers einen der Bausteine, die später für sein bahnbrechendes Meisterwerk zentral werden sollten. Nicht von ungefähr hat "Ulysses", ein Roman des Alltäglichen, mit Leopold Bloom einen Zeitungsakquisiteur zur Hauptfigur. Und vielleicht nicht zufällig war Félix Fénéon, der "Ulysses" in Frankreich verlegte (1922), ein – unter anderm von Mallarmé geschätzter – Meister dieser Textform, der für die Tageszeitung Le Matin jahrelang "Nachrichten zu drei Zeilen" (Nouvelles en trois lignes) verfasst hatte. So etwa diese: "Manche Leute haben eine Leidenschaft für Telephondrähte. Wieder kamen 900 Meter in Gargan und 1500 Meter zwischen Epinay und Argenteuil abhanden."
Es dauert ein wenig, bis man das dialogische Prinzip des Buchs versteht, das weder Kino noch Literatur zum Mittelpunkt hat, sondern die Revolution des Medienverbunds generell: Telegraf, Zeitung, Telefon, Film, die vermischten Nachrichten vom Tage. Freilich waren "Aktualitäten", die im Kino neben den Nummern berühmter Artisten, Tänzer und Zauberer den größten Teil des Programms einnahmen, schon damals nur mit Vorsicht zu genießen. "In jenen Tagen", so Hughes Laurent, ein Filmarchitekt der Pathé, "war die ,grande actualité' der Russisch-Japanische Krieg. In diesem Fall stellte man die von Sonderberichterstattern der großen Tageszeitungen übermittelten Nachrichten nach. (...) Die kleinen Erdhügel bei Montreuil, wo Sand abgebaut wurde, waren an manchen Tagen mit hundert bis hundertfünfzig Statisten bevölkert, die als russische und japanische Soldaten ausstaffiert waren."

Michael Omasta in FALTER 26/2008



ANZEIGE


FALTER abonnieren
×