Anatomie der Schwermut. Über die Krankheit Depression

Lewis Wolpert


Bösartige Trauer

Bevor er selbst von einer schweren Depression heimgesucht wurde, sei er ein Anhänger der "Nimm dich zusammen"-Theorie gewesen. Jedoch, fügt Lewis Wolpert zerknirscht hinzu, sei selbst der Krebstod seiner Frau weniger qualvoll gewesen, als in die Tiefen dieser aus dem Ruder gelaufenen Traurigkeit zu stürzen. Gegen die Scham und das Stigma, die der Depression, obwohl mittlerweile so etwas wie eine Volkskrankheit, immer noch anhaften, wendet sich dieses Buch. Der Entwicklungsbiologe Wolpert begann sich erst durch die eigene Betroffenheit mit dem Thema zu beschäftigen – quasi fachfremd, aber doch nah genug an der Materie, um komplexe Zusammenhänge wie die Wirkung von Antidepressiva auf den Hormon- und Neurotransmitterhaushalt verstehen und auch erklären zu können und damit sein erfolgreichstes Buch abzuliefern.
"Anatomie der Schwermut. Über die Krankheit Depression" kann als naturwissenschaftliches Pendant zu der exzellenten soziologischen Studie von Alain Ehrenberg "Das erschöpfte Selbst" (dt. 2004) gelesen werden, die in der Ablösung der Kategorien Schuld und Disziplin durch Verantwortung und Ini­tiative und dem damit einhergehenden Anstieg von Depressionen einen gesellschaftlichen Paradigmenwechsel ortete. "Die Depression zu verstehen ist eine deprimierend schwere Aufgabe", meint Wolpert und versucht dennoch, das lückenhafte Wissen über diese Krankheit zusammenzutragen, beginnend mit der Erklärung ihrer Entstehung über die Unsicherheiten in der Diagnose bis zu den Rätseln, die die Wirkung von Antidepressiva aufgibt.
Wenn man die Depression verstehen wolle, müsse man unbedingt auch die psychologischen und biologischen Grundlagen von Gefühlen verstehen, meint Wolpert. Und kommt zu dem Schluss, dass die Disposition für die Depression sowohl von Genen als auch von frühkindlichen Erfahrungen und aus diesen resultierenden dysfunktionalen Denkschemata bestimmt wird. Deswegen macht er sich für einen kombinierten Ansatz aus medikamentöser und psychotherapeutischer Behandlung mit Kognitiver Verhaltens- bzw. Interpersoneller Therapie stark, zwischen deren Erfolgen es interessanterweise kaum signifikante Unterschiede gibt.

Kirstin Breitenfellner in FALTER 26/2008



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