Die Geschichte meiner Einschätzung am Anfang...

Peter Licht


Der perfekte Depp

Da sitzt er nun also, der Mann ohne Gesicht. Der am seltensten fotografierte Künstler Deutschlands. Das Phantom des Pop. PeterLicht. Und er sieht natürlich völlig gewöhnlich aus, wie zigtausend andere Mittdreißiger, die mit Kultur, Medien und Projekten handeln, auch. Ein bisschen schüchtern wirkt er vielleicht, wahrscheinlich liegt das aber nur an seiner höflichen Zurückhaltung.
Als pfiffiger Musikus und aufstrebender Autor mit Bachmann-Preis-Erfahrung (für den Text "Die Geschichte meiner Einschätzung am Anfang des dritten Jahrtausends" bekam er 2007 den 3sat- und den Publikumspreis) ist Licht in dem von ihm beackerten Feld inzwischen eine große Nummer. Mit der Besonderheit, dass er es – mit Melvilles "Bartleby" gesprochen – vorzieht, sein Gesicht nicht ablichten zu lassen.
Diese Kamerascheu hat keineswegs mit marketingtechnischem Kalkül zu tun, nicht einmal mit Selbstschutz. Der Mann, der bürgerlich Meinrad Jungblut heißen soll, hat ein Prob­lem mit dem Konzept "Ich", wie er erzählt: "Meine Lieder brauchen mich nicht. Ich wüsste auch gar nicht, wer ich sein sollte. Es gibt Leute, die sagen, dass das Ich eine Geisteskrankheit ist. Ich sage nicht, das stimmt, aber ganz daneben finde ich es auch nicht."
Am liebsten würde er hinter seinen Werken verschwinden, erklärt der Kölner, der 2001 mit dem Indiepophit "Sonnendeck" erstmals auf sich aufmerksam machte, später Kartoffelfiguren für sich auftreten ließ, und dessen großes Thema seit dem letzten Album "Lieder vom Ende des Kapitalismus" (2006) das prekäre Verhältnis zwischen Mensch und globalisierter Wirtschaft, Lebenwollen und Konsumierenmüssen ist. Auf seiner neuen CD "Melancholie und Gesellschaft" singt er ein Lied namens "Marketing", in dem er mögliche Vergeltungsschläge gegen die Macht von Medien, Märkten, Merchandise durchdekliniert: "Abfackeln, abreißen, abtreiben, ausknipsen, auslöschen, ausradieren, ausschaben". Es lebe das Synonymlexikon!
"Der individuelle Mensch ist der perfekte Teilnehmer am Warenkreislauf, und damit ist er auch der perfekte Depp", stellt Licht die Verbindung zwischen seinen Liedtexten und seinem persönlichen Auflösungswunsch her. "Endverbraucher sein, das ist tatsächlich das Ende der Fahnenstange. Ich bin natürlich auch Endverbraucher, man kommt ja nicht raus aus dem System, aber ich möchte es nicht sein. Ich fühle mich missbraucht von fremder Leute Marketingstrategien." Eine gelungene Variation davon liefert er in "Stilberatung", einem beschwingten Protestlied gegen nackte Haut in der Werbung mit dem Refrain "Bedeckte Körper sind in Ordnung, Kleidung ist in Ordnung".
Wenn PeterLicht bis hierher womöglich ein klein wenig verbissen rüberkommt, dann liegt das daran, dass er sich mit seinem Humor in letzter Zeit zurückhält. Früher wurde gewohnheitsmäßig gelacht, wenn Lieder wie "Wolf im Fuzzipelz" erklangen. Den studentischen Dada-Humor hat Licht aus seinem Schaffen mittlerweile gründlich ausradiert. Um inhaltlich weiterzukommen: "Da ist kein doppelter Boden mehr und keine Hintertür. Es ist einfach so, wie es in den Texten gesagt wird. Ich habe meine Platte zur ironiefreien Zone erklärt."
"Lieder vom Ende des Kapitalismus" war eine Utopie und tat so, als gäbe es den Kapitalismus nicht mehr, um aus dieser Perspektive einen klareren Blick darauf zu bekommen. Die neue Platte führt stattdessen mittendrein in die Verhältnisse. Und entdeckt überall – Melancholie. "Der Raum ist voll, doch keiner ist da" lauten die ersten Worte auf dem Tonträger, "weit weg, und wir kommen nicht mehr zurück" die letzten.
Melancholie ist speziell im Pop ein inflationär gebrauchter Begriff geworden, der für alles herangezogen wird, was irgendwie gefühlig oder ein bisschen traurig klingt. "Ich habe auch keine Ahnung, wie ich Melancholie definieren soll", meint Licht. "Aber sie begegnet mir ständig. Wenn ich durch eine Aldi-Filiale gehe oder in einem McDonald's-Restaurant sitze, mir die Stellenanzeigen in einer Tageszeitung anschaue oder modernes Design vor Augen führe, da wird überall eine Unmenge an Melancholie produziert."
Sind seine Texte gewohnt eigensinnig und gut, so stellt "Melancholie und Gesellschaft" musikalisch den längst fälligen Durchbruch vom Heimwerkerpop zum schön ausarrangierten Popsong dar. In der Vergangenheit waren Lichts Platten mitunter eher theoretisch interessant, die trashige Musik lenkte doch etwas von den Inhalten ab. Nun dürfen Wort und Ton in der von Klavier und Gitarren geprägten Produktion endlich eine Einheit bilden.
Er selbst sieht sich von einer deutschen Liedermachertradition geprägt, wobei einige angloamerikanische Anklänge – etwa an The Smiths ("Stilberatung") oder Tom Petty ("Beipflichten") – nicht zu überhören sind. "Höre ich mir alles auch gern an", gesteht er ein. Um schnell hinterherzuschicken: "Noch lieber aber Wolf Biermann oder Kraftwerk. Ich komme nun mal aus Deutschland und habe keine Blues­tradition." Dass er auf seine Art trotzdem einen amtlichen Blues hinbekommt, beweist er mit dem "Trennungslied", in dem Trennungsarten bis zum Exzess durchgespielt werden: "Miriam hat niemanden, den sie verlassen kann. Also trennt sie sich von sich, warum auch nicht?" – "Ich wollte das traurigste Lied der Welt schreiben", sagt der Macher.
Zum Schluss kehrt er im "Landlied" der Stadt den Rücken. "Für die dreieinhalb Minuten, die das Lied dauert, ist das sehr ernst gemeint", behauptet Licht zumindest. "Am Ende der Platte sollte ein Lied stehen, das eine Perspektive aufzeigt. Und die blaue Blume wächst bekanntlich nur da, wo man nicht ist. Leute, die auf dem Land leben, müssten umgekehrt ein ,Stadtlied' singen."
Der reale PeterLicht hingegen geht bald auf große Tour durch den deutschsprachigen Raum. Es ist erst seine zweite Konzertreise dieser Art, bei der er sich ohne Maskerade auf die Bühne begibt. Bei der ersten hat das Publikum seinen Wunsch, keine Fotos von ihm zu machen, respektiert. Lediglich ein paar Handyschnappschüsse tauchten im Internet auf. "Ich bin froh, dass ich diesen Schritt nach draußen gemacht habe", sagt der Sänger. "Man geht auf die Bühne und stellt eine konkrete Situation her, indem man Leuten direkt etwas vorsingt. Das ist einfach schön für mich."
Gut, der letzte Satz ist frei erfunden, und doch verlässt man das Gespräch erleichtert: PeterLicht ist nicht nur ein extrem fittes Hirn, der Mann hat auch noch Gefühle. Wenn er bloß nicht irgendwann auf die Idee verfällt, Liebeslieder zu singen!

Sebastian Fasthuber in FALTER 39/2008



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