Die 120 Tage von Tulúm

Stefan Wimmer


Der große Durst

An Wahltagen herrscht in Mexiko das Trockengesetz: Der Verkauf von Alkohol ist strengstens untersagt. Unruhig streift Stefan Wimmers Held Ingo Falkenhorst durch die Straßen der Hauptstadt: "Auf den Café-Terrassen nippten ein paar Touristen an ihren Limonaden. Leider existierte jedoch ein Durst, der mit Limonade nicht aus der Welt zu schaffen war. Ich fühlte, wie dieser besondere Durst meine Zunge ausdörrte, und dachte an den verzweifelten Eintrag, den der Freibeuter Black Beard 1635 in sein Tagebuch gekritzelt hatte: ,Welch ein Tag ... Kein Rum mehr da – Unsere Mannschaft ist irgendwie nüchtern – Eine vermaledeite Verwirrung unter uns!'"
Der Freistaat Bayern kennt ein solches Gesetz zum Glück nicht, und so führt Wimmers Weg an einem warmen Frühlingstag in München zielstrebig in die Gastwirtschaft "Beim Sedlmayr". Der Verfasser der Bücher "Die 120 Tage von Tulúm" und "Der König von Mexiko", in denen ein bayerischer Student Schänken zwischen München und Mexiko-Stadt unsicher macht, erfolglos gegen den inneren Schweinehund ankämpft und regelmäßig vom angeblichen schwächeren Geschlecht besiegt wird, bestellt einen "Russ'n", einen Weizenradler mit Zitronenlimonade.
Die Biografie des 39-Jährigen deckt sich im Wesentlichen mit der seines Protagonisten. Wimmer hat Germanistik und Völkerkunde studiert, ist "unter völlig dubiosen Umständen" zu einem Doktoratsstipendium in Mexiko-Stadt gelangt, wo dann aber doch andere Dinge interessanter waren als die Dissertation und er sich mit Texten für Zeitschriften über Wasser hielt. In Mexiko hat er auch damit begonnen, abenteuerliche Geschichten zu spinnen, in denen sein Held allerhand finstere Mächte – Schläger, Dealer, Schuldgefühle – bekämpfen muss, ehe alles gut und vor einem kühlen Getränk endet. "Fast alles ist mir wirklich so passiert", beteuert der Autor, "nur sind die Geschichten aus dramaturgischen Gründen anders zusammengesetzt und Details übertrieben. Als Unterhaltungsschreiber musst du dem Leser etwas bieten."
Als eigentlicher Hauptwohnsitz diente ihm in Mexiko-Stadt das Centenario. Für das Lokal, in dem er durchaus auch mal Zwölfstundenschichten absaß, findet sein Protagonist im "König von Mexiko" nur liebevolle Worte: "Zur Mittagszeit herrschte eine ganz besondere Atmosphäre: Das leise Klirren der Gläser, die Gedämpftheit der Geräusche, das intime Flüstern der Gäste – das alles hatte etwas Unschuldiges. Und was das Bild des Friedens krönte: All diese Menschen tranken. Jeder hatte hochprozentige Gemische vor sich zu stehen, und jeder wirkte entschlossen, die nächsten Stunden stetig nachzubestellen."
Ähnlich zärtlich wird Falkenhorst auch, wenn es um das weibliche Geschlecht geht, denn er liebt und verehrt die Frauen. Wimmer schreibt Männerliteratur, die man bedenkenlos auch seiner Freundin zum Lesen geben kann. Verstanden fühlt er sich jedoch nur teilweise: "Ich lasse meine Mutter die Geschichten zuerst lesen, und sie kann darüber lachen. In den Verlagen hingegen sitzen inzwischen Leute, die müssen so dermaßen vertrocknet sein! Bei denen beginnt Machotum da, wo du aus einer ganz normalen männlichen Perspektive schreibst. Das Erste, was du merkst, ist: Die verstehen den Witz nicht. Die steigen schon beim ersten Absatz aus, wenn sexueller Misserfolg mit Stalingrad verglichen wird. Ich bin wirklich froh, dass Eichborn mich genommen hat."

Vom Bücherschreiben leben gehe sich für ihn derzeit nicht aus, erzählt der passionierte Radfahrer ("Die 120 Tage" hat er "den Frauen, dem Weißbier und den Höhenmetern" gewidmet). Sein Geld hat er in den letzten Jahren als Schreiber für Männermagazine verdient. "Das Jahr des Busenmagazins" heißt das Kapitel im "König von Mexiko", in dem er von seiner Zeit als Redakteur beim Playboy berichtet. "Der Erotikbegriff dort ist mehr wie Wellness", seufzt Wimmer. "Früher hatten die 30 feste Redakteure. Hat einer eine Reportage über die Erotik der Massai geschrieben, dann war der dafür drei Monate lang in Kenia. Heute geht es nur mehr darum, das Zeug möglichst billig zu produzieren, und zwar so, dass die Anzeigenkunden nichts an dem Heft auszusetzen haben. Es muss eigentlich steril sein."
Die Busenhefte krachen. Gerade hat das Konkurrenzmagazin Matador, wo Wimmer zuletzt beschäftigt war, den Betrieb eingestellt. In München sei für einen wie ihn kaum Arbeit zu bekommen, klagt er. "Höchstens, man stellt sich jede Nacht ins Schumann's und wirft sich einer Clique an den Hals." Lieber sucht er sein Glück anderswo: "Nachdem ich gern mit dem Rad durch Österreich nach Südtirol fahre, habe ich mir gedacht, ich bewerbe mich bei der Zeitung Dolomiten in Bozen. Die ist fei saugut! Aber natürlich warten die dort nicht auf einen mountainbikenden Ex-Männermagazin-Redakteur, der kein Italienisch kann."
An der literarischen Front steht als Nächstes eine Liebesgeschichte in München an. Und irgendwann, sagt Wimmer und leert sein Glas, wolle er ein richtig gutes Buch über die 80er machen: "Ich habe damals Erlebnistagebücher geschrieben, die sehr ulkig sind, weil ja nichts passiert ist. Wir sind nach der Schule einfach stumpfsinnig am Pasinger Bahnhof rumgehangen. War keine schlechte Zeit, und wenn ich heute Bilder von Schulpartys sehe, denke ich mir sogar, dass die Mädels in den 80ern hübscher waren."

Sebastian Fasthuber in FALTER 25/2008



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