Wilde Wiesen

Ulf Erdmann Ziegler


"Du siehst, mein Sohn, zum Raum wird hier die Zeit", belehrt der alte Gurnemanz den Toren Parsifal. Ein programmatischer Sinnspruch für Wagners üppige Bühnenkunst, der genauso als Motto für Ulf Erdmann Zieglers schlanke Prosastücke "Wilde Wiesen" taugen würde. Von Lindenthal über Orschel-Hagen bis nach Dorstfeld arbeitet er die Stationen seiner ersten 30 Jahre ab, in etwa die Zeit zwischen 1959 und 1989. All ­diese Jahre verlebte er in der Provinz, sogar als er in Westberlin wohnte. Erlebt hat er nicht wahnsinnig viel: Familienferien, christliche Jugendarbeit, mehr oder minder glücklichen Sex, Zivildienst, Studium.
Nun nennt Ziegler sein Buch aber auch nicht eine Autobio-, sondern eine Autogeografie. Seine unspektakulären Erinnerungen liefern ihm das Material für kunstvoll gearbeitete literarische Genrebilder: Kreisstadt in Schleswig-Holstein, Eigenheimsiedlung in Schwaben, Altstadtidyll am Bodensee. Kein Zufall, dass dieses Buch an ein Fotoalbum erinnert: Das Fotografieren spielt für Ziegler die gleiche Rolle wie das Schreiben. In der Beschwörung der Details erreicht seine Prosa an ihren besten Stellen eine sinnliche Intensität und Dichte, die auch flüchtige Erscheinungen wie Gerüche, Beleuchtungen und Sprachmelodien nach Jahrzehnten vergegenwärtigen. Sie handelt nicht davon, was wir erinnern, sondern wie wir erinnern. Um solch einem Anspruch mit scheinbarer Leichtigkeit gerecht zu werden, braucht es einen Autor vom Range Zieglers.

Tobias Heyl in FALTER 24/2008



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