Darwins Bilder. Ansichten der Evolutionstheorie 1837-1874

Julia Voss


Die Manuskriptseite beginnt mit "I think" und geht unmittelbar in einen gekrakelten Stammbaum über. Das Wort fließt ins Bild. Seit dem Jahr 1837 hat Charles Darwin unablässig gestrichelt und gezeichnet: Diagramme, Gefiedermuster, Ursprünge. Der künstlerisch völlig unbedarfte Gelehrte nutzte die Bildsprache seiner Zeit, um seine Evolutionstheorie zu veranschaulichen. Die Geologie stellte versunkene Korallenriffe mit getüpfelten Linien dar. Darwin visualisierte so die versunkenen Überreste des Tierreichs und führte damit die Dimension der Zeit ein. Taxonomische Karten, die den Zoologen nur dazu dienten, die Tierarten zu ordnen, deutete Darwin in Verwandtschafts- und Abstammungsverhältnisse um. Die Zeichnungen von verschiedenen Unterarten von Finken auf den Galapagosinseln reihte er nach der Größe des Schnabels und machte so die Entwicklung augenfällig. "Wozu kein Menschenleben reicht, um es in Echtzeit zu beobachten, das zeigt das Bild auf einen Blick: die Akkumulation kleiner Wirkungen über Jahrmillionen."
Darwin führte ein stets wachsendes Bildarchiv, klapperte eigenhändig Geschäfte in London nach geeigneten Fotos ab, instruierte Zeichner genauestens, nervte Verlage mit Nachbesserungswünschen und wählte mit großer Akribie die Abbildungen für seine Publikationen aus. Julia Voss führt in ihrem noch dazu bestens illustrierten Buch überzeugend vor, dass Darwin durch und mit Bildern dachte und argumentierte.

Oliver Hochadel in FALTER 24/2008



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