Gegen den Tag

Thomas Pynchon, Nikolaus Stingl, Dirk van Gunsteren


Ku-Klux-Klan und Kugelblitz

Mit seinem jüngsten Roman, "Gegen den Tag", hat Thomas Pynchon eine historische Lücke seiner epischen Konstruktion geschlossen. "Die Enden der Parabel" handeln vom Zweiten Weltkrieg, "Vineland" vom Anfang und Ende Amerikas, und "Mason und Dixon" von dessen Vermessung. Es fehlte also nur noch die Geschichte vom Aufbruch in die Moderne. "It's always night, or we wouldn't need light" lautet das Motto von Thelonious Monk, der für seine Reise um die Welt allerdings nur ein Klavier und keine 1600 Seiten benötigte.
Die Erzählung von der guten Welt, wie sie ein Henry James noch präsentieren konnte, ist auch für Pynchon längst vergangen; es dauert denn auch gut 100 Seiten, bis man die Erzählstränge so halbwegs in die Hand bekommt – wo sie allerdings nicht bleiben sollen: "Vorspring und Achterleine loswerfen". Das Luftschiff Inconvenience mit seiner Besatzung, allesamt Mitglieder des aeronautischen Clubs Freunde der Fährnis, ist gestartet und entgeht in Chicago, seinem ersten Zielort, nur knapp einer Bruchlandung. Die größte Rinderstadt der Welt gilt mit ihren Schlachthöfen als Inbegriff der Moderne; die "weiße Stadt" befindet sich in "permanentem Belagerungszustand", der Ku-Klux-Klan treibt sein Unwesen. Wir schreiben das Jahr 1893, Weltausstellung.
Auf das Zeitalter der vollendeten Eroberungen, der Industrialisierung und des Kolonialismus folgt nicht sogleich die Barbarei des 20. Jahrhunderts. Vorerst beginnt es bunt mit Anthropologien und Exotismen aller Art: Südamerikanische Tarahumaras werden ebenso vorgeführt wie tungusische Rentierherden und fremde Rauchpraktiken; prominentestes Kuriosum der Schau aber ist F.F., der habsburgische Thronfolger Franz Ferdinand. Der trinkfeste "kaiserliche Taugenichts" will die Schlachthöfe mieten, um dort auf Rinderherden zu schießen, nebenbei prellt er die Zeche. Und natürlich wird er dabei überwacht.
Aber wahrhaft exotisch sind jetzt eigentlich nur noch die Errungenschaften der Technik. Wenn der Fotograf Merle in der Dunkelkammer das geheimnisvolle Entstehen eines Bildes beobachtet, versteht er die wirklich grundlegende Veränderung der Welt und das Geheimnis des Fortschritts: "Moderne Chemie ersetzt die Alchemie in dem Moment, in dem der Kapitalismus richtig in Schwung kommt." Das hindert ihn aber auch nicht daran, mit einem Kugelblitz, den er als Verkäufer von Blitzableitern für die Grundlage seines Einkommens ansieht, in einen märchenhaften Dialog zu treten: "Zu seiner Überraschung antwortete der Kugelblitz, wenn auch nicht gerade laut: ,Ich heiße Skip, und du?'"
Derart bizarre Figuren gibt es bei Thomas Pynchon zuhauf. Was das erzählerische Pandämonium mit seinen unendlich vielen freilaufenden Episoden, die schlussendlich allesamt wieder in einen Strang gebündelt werden, aber vor allem auszeichnet, ist die Vielfalt: Abenteuerroman und Science-Fiction; mondäner Gesellschaftsroman, Sozialkritik und Western werden zu einem Ganzen amalgamiert. Traverse Webb etwa, Anarchist und eine der Hauptfiguren, wird wie folgt eingeführt: Er war ein "ehrlicher, treusorgender, bis aufs Blut ausgebeuteter Bergarbeiter, der niemals auch nur einen Bruchteil von dem bekam, was seine Arbeit wert war." Nach seiner Ermordung sinnen seine beiden älteren Söhne Reeve, der Spieler, und Frank, der Abenteurer und spätere Bergarbeiter, auf Rache; sein jüngster Sohn Kid, ein "fahrender Elektriker", tritt in die Dienste des Klassengegners, des Magnaten Scarsdale Vibe. Der comicartige Vertreter des Big Business, Herr über Kohlegruben, Eisenbahnbau und die Elektrifizierung des Landes, sponsert philanthropisch die Luftschiffer der Inconvenience, allerlei Forschungen und wissenschaftliche Kongresse.
Dort streiten etwa die sogenannten Quaternionisten und Vektoristen über die Natur von Licht und Raum, über Magnetismus und Elektrizität: "Es hätte ohne weiteres eine Religion sein können – da war der Gott des Stroms, der Lichtbringer, der dem die Regel Missachtenden den Tod verhieß." In einer gerade in Norwegen tagenden "transkontinentalen Diskussionsgruppe" hält man fest: "Wir haben kolonisiert, was wir gefunden haben ... Nun haben wir die ersten Flügelschläge eines Unternehmens getan, das es uns erlauben wird, mit der Kolonisierung des Himmels zu beginnen. ... Und wie sieht es mit der Kolonisierung weiterer Dimensionen jenseits der Dritten aus? Etwa mit der Kolonisierung der Zeit, warum nicht?"
Ganz so weit geht die Reise der Luftschiffer, die als Deus ex Machina immer wieder zwischen Südostasien und dem Nordpol oder über Venedig auftauchen, nicht. In einer Parallelaktion wird die Inconvenience übrigens ständig von einem russischen Luftschiff begleitet, das die Form einer Zwiebel besitzt – die beiden künftigen Supermächte sind vorerst nur in der Luft unterwegs.
Der Erste, der sich nach Old Europe tatsächlich aufmacht, ist der Detektiv Lew Basnight. Im Londoner Club der "Wahren Anbeter des Unaussprechlichen Tetraktys" wird an der Zukunft des British Empire und dem Zerfall des Osmanischen Reiches gebastelt, in White Hall an einer neuartigen Gasgranate für künftige Kriege. Und am anderen Ende des Kontinents wollen mysteriöse Financiers eine Brücke zwischen Alaska und Sibirien errichten.
Stets hält Pynchon eine feine Balance zwischen Weltverschwörung, realer Geschichte und Erzählung: Während Frank Traverse "vergeblich über eine leere Schattenlandkarte, durch einen Groschenroman über das alte Mexiko" trottet und seine Schwester Lake als Prostituierte durch die Varietees der New Yorker Chinatown geistert, haben die beiden Brüder Reeve und Kid in Europa ernsthaftere Dinge zu regeln. Reeve lebt als Spieler zwischen Nizza, Venedig und Marienbad und gerät schließlich in die Wirren des Balkankriegs; Kid, mittlerweile Professor in Yale, reist nach Göttingen zum Mathematiker Rieman.
Die Monopolisierung des Konservenmarktes, Spektraltheorien, Ukulelespiel, es gibt praktisch nichts, was Pynchon nicht in seinem Buch unterbrächte, es dabei aber immer höchst organisch in die Dialoge seiner Protagonisten verwebt. Wer mit einer Theorie der Expedition bei Wallfahrern und Kreuzrittern beginnt, landet im Zeitalter der Obskurantismen wie alle Esoteriker in Mittelasien, hinter dem Fluß Oxus, am Berg Kaj-Lasch und bei Schamballa sowie beim ominösen Kometen in der tungusischen Tundra.

Den Bogen zur Gegenwart schließen die letzten 300 Seiten, deren eigentliches Zentrum die politischen Kräfteverschiebungen in Südosteuropa darstellt. Der schwule britische Agent Cyprian Latewood finanziert Geheimoperationen auf dem Balkan, daneben treibt er alle möglichen masochistischen Spielchen zwischen der Wiener Leopoldstadt und Mariahilf. In einem Anarchistengolfclub – was immer das sein mag – erklärt er seinem Gesprächspartner: "Wenn die Erde lebendig wäre und ein planetarisches Bewusstsein hätte, dann ließe sich die Balkanhalbinsel vielleicht unschwer auf dem Teil des Bewusstseins abbilden, der sich am meisten seine eigene Vernichtung wünscht." Dabei geht es vorerst nur um die Besetzung Bosniens durch die Österreicher. Das Luftschiff Inconvenience transportiert dann bald Verwundete des Ersten Weltkrieges; und die europäischen Auswanderer nach Amerika wissen mittlerweile auch, dass der "Schrecken der Überfahrt nicht mehr auf Gottes Willen zurückzuführen" ist, sondern auf deutsche U-Boote.
"Sie fliegen der Gnade entgegen", lautet der letzte Satz. Thomas Pynchon hat mit "Gegen den Tag" wie kein anderer zeitgenössischer Autor demonstriert, dass die Welten von Naturwissenschaft, Gesellschaftskritik und Trash nahtlos ineinander übergehen können. Und so ist das Buch auch ein Beweis dafür, dass in der Literatur noch immer alles geh

Erich Klein in FALTER 24/2008



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