Wien, Mai ´68. Eine heiße Viertelstunde

Fritz Keller


Ich bin nicht Mitte

Ein Witz über die 68er-Generation geht so. Fragt der Journalist den Professor: "Was haben Sie studiert?" Antwortet der Professor: "Nix!" Fritz Keller hat diesen Witz nicht erfunden, sondern gelebt, und lacht, wenn er erzählt, wie er zum Professor honoris causa wurde. Ein befreundeter Zeithistoriker wollte nicht länger mitansehen, dass sein Kollege mit 50 Jahren noch immer als Lebensmittelpolizist mit der Kühltasche durch die Kneipen ziehen muss, und schlug den Autor zahlreicher Werke über die Arbeiterbewegung für den Ehrentitel vor. Die "unterste Normalkarriere" machte dann tatsächlich einen Sprung nach oben und Keller bekam eine leitende Stelle im Wiener Marktamt. Ansonsten habe ihm der Titel nicht viel gebracht, sagt der nunmehr 58-jährige Pensionist, dem nach der Matura das Geld für ein Studium fehlte, "außer dass man im Krankenhaus schneller beim Primar landet".
Keller kontrollierte Fleischregale und gab zugleich die Schriften von Karl Marx' Schwiegersohn Paul Lafargue ("Das Recht auf Faulheit") heraus. Die Vereinbarkeit des scheinbar Unvereinbaren kennzeichnet die 68er-Generation, deren lokales Wirken Keller in dem Buch "Wien Mai '68 – eine heiße Viertelstunde" dokumentierte. Es erschien erstmals 1988 und heuer, zum Vierziger von 1968, in der dritten Auflage. "Was studiert der Herr Professor, während ich so schwer studier? Er studiert die schönen Bilderchen im Playboy, denk ich mir", reimten Topsy Küppers und Georg Kreisler auf der im Mai 1968 aufgenommenen Platte "Die heiße Viertelstunde". Couplets statt Rock 'n' Roll: Die Anti-Vietnam-Demos und Sitzstreiks der Kommune Wien hatten im Vergleich zum Frühlingssturm in Paris und Berlin die Stärke eines Mailüfterls. "Es gab hier keine Reeducation, keine FU-Berlin und keine Frankfurter Schule; in den Ämtern saßen Ex-Nazis und die Unis waren unter Ständestaatlern aufgeteilt", erklärt Keller die Ungleichzeitigkeit gesellschaftlicher Entwicklungen.
Am 7. Juni veranstaltete der Sozialistische Österreichische Studentenbund (SÖS) das berüchtigte Teach-in "Kunst und Revolution" im Neuen Institutsgebäude der Universität Wien. Es war so obszön und zynisch, dass es zum Maßstab radikaler Aktionskunst wurde. Auch 40 Jahre danach ist die Distanz des linken Aktivisten gegenüber den Aktionisten spürbar, auch wenn Keller die historische Bedeutung des Ereignisses nicht anzweifelt. "Sie waren immer nur an einer Sache interessiert – an sich selber", beschreibt er die Haltung der Gruppe um den Literaten Oswald Wiener und den Maler Otto Muehl. "Sie haben eigentlich nur das gemacht, was jeder Österreicher nach dem dritten Viertel Wein gerne machen würde: auf den Staat und die Kirche scheißen." Der heiße Mai 68 ist für ihn heute zur Historie abgekühlt, den Schulterschluss mit der Arbeiterschaft bei nur 1,6 Prozent Arbeitslosigkeit betrachtet er als einen historischen Irrtum. Was bleibt, sei "die Modernisierung einer dumpfen Provinz".
Als Teenager engagiert sich Keller beim Verband Sozialistischer Mittelschüler (VSM). "Die Wiederaufbaugesellschaft war zum Kotzen. In der Schule gab es Krawatten-, Rock- und Kirchenbesuchszwang. Wer dagegen verstieß, wurde nachhause geschickt." In seinem Heimatbezirk Simmering lernte er die Reste eines sozialistisch regulierten Lebens kennen. "Man ging in Kohorten auf Demos; wer am Ersten Mai fehlte, wurde aus der Wohnung geholt." Bis heute steht er zu der Idee des Internationalismus, die auf den russischen Kommunisten Leo Trotzki zurückgeht. "Der pannonische Schafhirte versucht sich mit dem Pariser Intellektuellen zu verständigen; das fand ich faszinierend." Die trotzkistischen Kader, die es auch in Wien gab, waren ihm dann aber doch zu orthodox.

Keller fand in der Arbeiterkultur der Zwischenkriegszeit Anknüpfungspunkte für eine Gesellschaftsveränderung, die weniger das abstrakte Kollektiv als das konkrete Individuum im Sinn hatte. Die Freidenker propagierten den Atheismus, die Esparantisten die Kunstsprache Esperanto, die Nacktkulturler wollten das bürgerliche Schamgefühl überwinden. 1985 erschien Kellers Buch "Lobau – Die Nackerten von Wien", für ihn "der Versuch, den Grünen Arbeiterkultur unterzujubeln". Doch auch in der aus der alternativen Bewegung der frühen 80er-Jahre hervorgegangenen grünen Partei wurde Keller nicht heimisch. In der Alternativen Liste, einer linken Vorgängerpartei der Grünen, sah er die letzte Möglichkeit, die Verwandlung der Ökobewegung in eine bürgerliche Honoratiorenpartei zu verhindern.
Als Historiker sieht sich Keller in der Tradition der ursprünglich skandinavischen "Grabe, wo du stehst"-Schule. "Was wird uns das wieder kosten?", fragte sein Chef im Marktamt resigniert, als Keller daranging, die Geschichte der eigenen Behörde während der NS-Zeit zu recherchieren. Unter anderem fand er heraus, dass zahlreiche Marktstände etwa des Naschmarktes "arisiert" worden waren. Auch am Arbeitsplatz schwamm Keller gegen den Mainstream und engagierte sich als Gewerkschafter, natürlich nicht im Österreichischen Gewerkschaftsbund (ÖGB), sondern bei der oppositionellen "Konsequenten Interessensvertretung". Einen starken Magen habe er dafür schon gebraucht. "Was sind Sie denn nun eigentlich: Trotzkist, Aussteiger, Polizist oder Grüner, Herr Professor?", fragt der Journalist. Sagt der Professor: "Ich bin nicht Mitte.

Matthias Dusini in FALTER 23/2008



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