Legionäre am Ball. Migration im österreichischen Fußball nach 1945

Barbara Liegl, Georg Spitaler


Sanel Kuljic wurde noch aus dem EM-Kader gestrichen, dafür sind Ramazan Özcan und Ümit Korkmaz dabei. Lange hat es gedauert: Erst 1999 spielte das erste Gastarbeiterkind in der österreichischen Nationalmannschaft. Viele Talente mit türkischen oder jugoslawischen Eltern sind wohl unentdeckt geblieben. Aufgrund "ethnischer" Filter schafften es bisher nur relativ wenige in die Bundesliga. 1111 Spieler und 106 Trainer fanden Barbara Liegl und Georg Spitaler in ihrer Untersuchung zur "Migration im österreichischen Fußball nach 1945". Dazu zählen neben den Ausländern der zweiten Generation vor allem "Legionäre". Neben Statistiken finden sich auch Porträts der Stars von gestern. Das Verhältnis der Fans zu den "Legionären" war und ist immer ambivalent und pendelt zwischen Kult ("Ivo, Ivo!") und dem Generalverdacht, nur "abzocken" zu wollen.
Verblüffend ist die enge Korrelation zwischen dem vermeintlich autonomen Bereich des Fußballs und der großen Politik. Phasen der Anwerbung wechselten mit jenen der Abschottung. Als 1973 ein Aufnahmestopp für Gastarbeiter verhängt wurde, zog der ÖFB bereits ein Jahr später nach und ließ keine neuen Legionäre mehr in der Bundesliga spielen. Das hielt gerade mal drei Jahre. Der historische Rückblick zeigt auch, dass die Klagen über "drittklassige Ausländer", die den talentierten jungen Einheimischen die Plätze in den Klubs wegnähmen, gleich nach 1945 einsetzten. Populismus statt Fußballverstand eben.

Oliver Hochadel in FALTER 23/2008



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