Die Vereinigung jiddischer Polizisten

Michael Chabon


Tot in der Untershtot

Was wäre wenn ... Hitler den Krieg gewonnen hätte? Philip K. Dick hat in seinem Roman "The Man in the High Castle" (1962) eine mögliche Antwort darauf gegeben und damit ein Modell sogenannter alternate history variiert, das sich in jüngerer Zeit einiger Beliebtheit erfreut: bei Robert Harris ("Fatherland", 1992), Stephen Fry ("Making History", 1996) oder Philip Roth ("The Plot Against America", 2004).
Als jüngste Abwandlung realer Geschichte hat Pulitzer-Preisträger Michael Chabon (sprich: Schéibon) nicht nur eine Atombombe über Berlin ab-, sondern 1948 dann auch noch die Juden aus Palästina rauswerfen lassen. Aber selbst im unwirtlichen Sitka, wo sich ein Teil der jüdischen Diaspora angesiedelt hat, ist dieser kein dauerhafter Aufenthalt beschieden, weil der Distrikt nun, nach 60 Jahren, wieder an Alaska zurückfallen soll.
"Die Vereinigung jiddischer Polizisten" (orig.: "The Yiddish Policemen's Union", 2007) verknüpft Alternativhistorie mit einem Kriminalroman der hartgesottenen Schule. Stephen King hat den Roman als "Kombination von Raymond Chandler und Isaac Bashevis Singer" bezeichnet, und in der Tat finden sich all jene Ingredienzien, mit denen es Philip Marlowe in L.A. zu tun hat, auch an der Südostküste Alaskas: abgefuckte Absteigen, depressive detectives, geheimnisvolle Geldgeber und – Chabons eigene Zugabe – rabiate Rabbis und schachspielende Schwarzhüte (Letzteres eine umgangssprachliche Bezeichnung für orthodoxe Juden).
Und es gibt natürlich einen Toten: Mendel Shpilman, Schachgenie und verstoßener Sohn eines Rabbis, möglicherweise gar der Messias. Mit Heroin vollgepumpt und in den Kopf geschossen findet sich seine Leiche im selben Hotel in der Untershtot von Sitka, in dem auch der ermittelnde Detective, Meyer Landsman, mehr haust als wohnt. Landsman muss sich denn auch dem Stationendrama der Abreibungen unterwinden, das wir von Chandler & Co kennen, das hier aber noch eine Extraportion Demütigung in petto hat: unter anderem den Umstand, dass Landsman mit seiner neuen Vorgesetzten 17 Jahre zusammen und zwölf Jahre verheiratet war. Diese Bina Gelbfish ist die gar nicht so heimliche Heldin des Romans – hart, aber, nun ja: herzlich; ausgestattet mit einem prächtigen Schandmaul und einer Handtasche so tief und geheimnisvoll wie das Tunnelsystem unter der Untershtot, in das dieses so ungleiche und doch so gewinnende Exehepaar am Ende des Romans gemeinsam hinabsteigen wird.
Michael Chabon hat ein Händchen für etwas extreme Charaktere, zynische Dialoge und bizarre Vergleiche. Als Einziger wohl behält er den Überblick in diesem Labyrinth aus Weltverschwörung, theologischer Spekulation und Schachproblem, greift die Handlungsfäden und Motive, die man längst aus den Augen verloren hat, verlässlich wieder auf. Die überbordende Menge an Details nimmt allerdings viel Tempo aus einem Thriller, dessen Plot dermaßen verfilzt ist, dass man an ihm irgendwann schlicht das Interesse verliert.

Auch der sprachliche Aufwand Chabons tendiert zur Manier, die den Witz, über den der Autor sehr wohl verfügt, hintertreibt. "Das Lokal ist so leer wie ein Innenstadtbus nach Dienstschluss, und riecht doppelt so streng." So weit, so knapp, so gut. Doch dann wird die präzis gesetzte Pointe leider noch zu Tode genudelt: "Vor kurzem muss jemand mit einem Eimer Bleiche hindurchgegangen sein, um einige Obertöne in den konstanten Basso continuo aus Schweiß und Pissoirgestank zu tupfen." Nicht so gut. Bleiben noch Bina und Meyer. Und wie das in die Jahre gekommene Paar auf 400 Seiten einander entgegengeführt wird, ist schon gut. Ziemlich gut.

Klaus Nüchtern in FALTER 23/2008



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