Klippen

Olivier Adam, Carina von Enzenberg


Vorstadt, brutal

Seit "Keine Sorge, mir geht's gut" (2000), seinem inzwischen verfilmten Romandebüt, arbeitet sich Olivier Adam an der Pariser Banlieue ab. Von brennenden Autos und Straßenschlachten ist in den Büchern des längst etablierten Jungautors allerdings nichts zu lesen. Das Aufwachsen in der Vorstadt hat aus Adam keinen zornigen, sondern einen traurigen jungen Mann gemacht, dessen Romane von Resignation, Beziehungsdesastern und kaputten Familien erzählen. Auch die fotogenen Felsen von Étretat auf dem Cover seines Romans "Klippen" stehen für ein Scheitern: Von dort hat sich die Mutter des damals elfjährigen Ich-Erzählers Olivier zu Tode gestürzt. Genau 20 Jahre nach der Katastrophe mietet Olivier ein Zimmer in dem Hotel, von dem aus die Mutter ihren letzten Weg angetreten hat. "Am Leben zu bleiben war für mich lange eine Vollzeitbeschäftigung", lautet die Bilanz, die er in dieser langen Nacht zieht.
Traumatisiert vom Verlust der Mutter wächst das Kind "fast ohne Schreie und Schluchzer, die zum Erbrechen führen" heran. Gemeinsam mit seinem stumm trauernden Bruder An­toine ist Olivier einem gewalttätigen Vater ausgeliefert, der seine Söhne vernachlässigt. Die Brüder treten die Flucht nach vorne an, suchen Geborgenheit in einer Vorstadtclique und führen ein Leben voll Alkohol und verzweifeltem Sex mit anderen Teenagern im Niemandsland der Vorstadtödnis. Die Gruppe zerbricht an einem Selbstmord. Antoine heuert bei der Handelsmarine an, der neuerlich verlassene Olivier geht nach Paris, lebt in Hotels und von Gelegenheitsjobs. Erst die Geburt seiner Tochter erlaubt es ihm, die Vergangenheit hinter sich zu lassen: "Ich bin einunddreißig, und mein Leben beginnt."
Klippen ist eine Geschichte größter existenzieller Not, die auf Posen oder Pathos verzichtet. Olivier Adams Sätze sind präzise, konzentriert und gehen direkt unter die Haut. Der Autor aus der Banlieue, der darauf Wert legt, "auf Augenhöhe, als einer unter vielen" zu schreiben, zeichnet ein bleigraues, von einem zarten Hoffnungsschimmer aufgehelltes Bild einer Jugend in der Vorstadt. "Wenn es schön ist, ist es nicht deprimierend", sagte Adam einmal über sein Schreiben. Mag sein. Erschütternd ist es aber schon.

Georg Renöckl in FALTER 22/2008



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