Das Ministerium für besondere Fälle

Nahtan Englander, Michael Mundhenk


I lost my Umlaut

Er war schon einmal hier, erinnert sich der Autor. Vor 18 Jahren, als er mit dem Rucksack einen Sommer lang durch Europa zog, verbrachte er auch ein paar Tage in Wien. "Damals habe ich gegen meine jüdische Erziehung rebelliert und hatte lange Haare", erzählt er. "Heute sehe ich aus wie ein Yuppie. Ich bekomme in Lokalen bessere Tische, und die Leute nennen mich Sir. Früher wurde ich schon mal Ma'am gerufen." Nathan Englander hat acht Jahre lang an seinem Roman "Das Ministerium für besondere Fälle" gearbeitet. Da erwartet man zum Interview eigentlich einen stillen Grübler, wenn nicht gar einen Schreibtisch-Autisten – und bekommt stattdessen einen vor Witz und Energie übersprudelnden jungen Woody Allen.
Nach Jonathan Safran Foer ("Alles ist erleuchtet") gilt der 37-jährige Englander als der Nächste, dem es gelingen könnte, in die Fußstapfen großer jüdisch-amerikanischer Erzähler wie Saul Bellow oder Philip Roth zu treten. Die erste Voraussetzung dafür ist jedenfalls erfüllt: Dem Glauben, in dem er erzogen wurde, steht er inzwischen mit sehr gemischten Gefühlen gegenüber. Im Gegenzug, so erzählt der Autor, kämen seine Bücher der jüdischen Gemeinde in New York auch nicht ganz koscher vor. Dabei stellt sein Roman "Das Ministerium für besondere Fälle" für einen, der vom Glauben abgefallen ist, eine erstaunlich enthusiastische Liebeserklärung an das Judentum dar.
"Ich bin etwas außerhalb von New York aufgewachsen. Orthodox, aber modern orthodox, nicht chassidisch", erinnert sich Englander an seine Erziehung. "Ich habe brav meinen Kopf bedeckt und koscher gegessen, weil es sich so gehörte." Den Entschluss, zum ersten Mal den Sabbat zu schwänzen, fällte er ausgerechnet bei einer Reise nach Jerusalem. Gezweifelt habe er aber schon als Jugendlicher: "Es war kein radikaler Bruch. Es ist wie mit dem Dirty War in Argentinien, um den es in meinem Roman geht. In allen Geschichtsbüchern steht, er habe am 23. Mai 1976 begonnen. Tatsächlich hat er eine längere Vorgeschichte. So auch mein erster Besuch bei Burger King."

Nachdem er in Iowa Creative Writing studiert hatte, übersiedelte Englander 1996 für fünf Jahre nach Jerusalem. "In den USA habe ich mich immer als Jude gefühlt. Israel war der einzige Ort auf der Welt, wo es umgekehrt war. Da war ich einfach nur Amerikaner. Außerdem wollte ich meinen romantischen Traum vom armen, hungernden Autor ausleben." Was nicht allzu lang gutging: Für sein erstes Buch erhielt er den ungewöhnlich hohen Vorschuss von 350.000 Dollar. Die Kurzgeschichtensammlung "Zur Linderung unerträglichen Verlangens" machte ihn zur Jahrtausendwende zum Shootingstar der US-Literatur.
Sein erster Roman, "Das Ministerium für besondere Fälle", der die Tragödie einer jüdischen Familie während der argentinischen Militärdiktatur Ende der 1970er-Jahre erzählt, reifte langsam heran. "Die Idee kann ich bis zu einer meiner ersten Kurzgeschichten zurückdatieren, in der eine Gruppe von Juden den falschen Zug besteigt. Ich habe über ihre Gräber geschrieben und dabei eine Obsession für Friedhöfe entwickelt, die in den Roman eingegangen ist. Der konkrete Anstoß kam aber, als ich in Jerusalem einer Gruppe von Argentiniern begegnet bin, die mir davon berichteten, was während des ,Schmutzigen Kriegs' in ihrem Land mit Juden passiert ist. Ich konnte es nicht glauben: Ein solches Verbrechen hat stattgefunden, während ich auf der Welt war, und ich erfuhr erst als Erwachsener davon."
Eine schwere Geburt sei der Roman aber nicht gewesen, beteuert Englander: "Es hat lange gedauert, ihn zu schreiben, aber es war ein freudvoller Prozess. Wissen Sie, ich scheiß mir nichts. Vielleicht bin ich ein bisschen verrückt und habe bei meinen Verlegern nicht den besten Ruf. Aber ein Buch ist für mich erst dann fertig, wenn es fertig ist. Bis ich zur letzten Fassung gelangt bin, habe ich manche Passagen 50-mal geschrieben. Und ich habe auch furchtbar umständlich recherchiert." Heute sei er ein wandelndes Lexikon der argentinischen Zeitgeschichte.
Wo sein Familienname herkommt, konnte der Bewohner Manhattans – "ich bin einer der ganz wenigen auf der Insel verbliebenen Autoren, alle meine Freunde leben in Brooklyn" – hingegen noch nicht eruieren. Nur so viel ist sicher: "Schon die Englander-Großeltern sind in den USA geboren. Ich pflege immer zu sagen, dass ich meine Wurzeln bis Boston zurückverfolgen kann. Wahrscheinlich spreche ich meinen Namen für Ihre Ohren falsch aus, nicht? Ich habe meinen Umlaut verloren. Aber vielleicht kehre ich ja als Engländer in die USA zurück."


Rezension:
Reine Willkür
Zur Linderung unerträglichen Verlangens" hieß die Sammlung von Kurzgeschichten, mit der Nathan Englander 2000 debütierte. Seinem ersten Roman hätte er im Prinzip denselben Titel verpassen können – nur dass sich das verzweifelte Verlangen in dieser traurigen Geschichte nicht mehr lindern lässt. "Das Ministerium für besondere Fälle" erzählt vor dem Hintergrund des "Schmutzigen Krieges", den Argentiniens Militärdiktatur ab 1976 gegen die eigene Bevölkerung führte, vom Schicksal einer jüdischen Familie in Buenos Aires, deren studierender Sohn eines Abends verschleppt wird.
Die Eltern nehmen die Suche nach ihm auf und landen schließlich im titelgebenden Ministerium, einem wahrhaft kafkaesken Ort mit merkwürdigen Regeln und Hierarchien. Hier regiert die reine Willkür, wie ein Vertreter des Systems erklärt: "In diesem Land währt nichts lange. Aber gleichzeitig müssen Sie doch auch wissen, dass es in Argentinien keinen Tag der Abrechnung gibt. Hier muss nie jemand für irgendetwas geradestehen."
Auf ihren Streifzügen durch die Stadt, über Friedhöfe und auf Bittgängen zu Juden in ranghohen Positionen, zu Schönheitschirurgen, die auffällige Nasen korrigieren, und bestechlichen Beamten entfernen sich die Eltern immer mehr voneinander. Vater Kaddisch, ein verbummelter Träumer, der mit seinem Sohn so manchen Konflikt auszutragen hatte, fühlt sich schuldig an dessen Entführung. Mutter Lilian, bislang der Ruhepol und die Ernährerin der Familie, treibt der Schmerz fast in den Wahnsinn.
"Das Ministerium für besondere Fälle" hätte auch ein fürchterliches Rührstück ergeben können, doch abgesehen von einigen Schwächen der Erzählökonomie meistert Englander die Herausforderung souverän und lässt immer auch ein wenig Galgenhumor einfließen, ohne dabei ins Versöhnliche auszuweichen. Am tragischen Schluss, auf den der Roman zusteuert, ist freilich nichts zu ändern: Die Junta hat einen Menschen genommen und damit eine Familie zerstört.

Sebastian Fasthuber in FALTER 22/2008



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