Somnia. Tagebuch 1991

Walter Kempowski


Walter Kempowski galt lange Jahre als kleinbürgerlicher Provinzliterat mit bedenklicher, weil antikommunistischer Grundhaltung. Mit dem Fall der Mauer war zumindest das letztere Vorurteil obsolet geworden, und nach dem Erscheinen von "Echolot", einem aus unzähligen autobiografischen Aufzeichnungen collagierten kollektiven Tagebuch der Deutschen für die Jahre 1941 bis 1945, war am literarischen und intellektuellen Rang Kempowskis nicht länger zu zweifeln.
Der jüngste (nunmehr postum) veröffentlichte Band seiner privaten Tagebücher enthält die Aufzeichnungen des Jahres 1991. Er handelt von den ersten Arbeiten am "Echolot", dem Niedergang der UdSSR, dem ersten Irakkrieg, dem zweiten Jahr der deutschen Einheit, aber auch vom Einzug des Computers und des Satellitenfernsehens in Kempowskis ländliche Einsamkeit. Ein Misanthrop, ein Zyniker, ein politisch eher selten korrekter Nörgler ist da am Werk, der am Schreibtisch ein ungeheures Arbeitspensum bewältigt, an keinem Flohmarkt vorbeikommt, durch alle Fernsehprogramme zappt, um danach am Klavier Bach-Choräle zu spielen: Dieser Mann hat seinen literarischen Kollegen in punkto Eigensinn und Querköpfigkeit Maßstäbe gesetzt. Dass nun immerhin vier Bände seiner Tagebücher erschienen sind, ist ein großes Glück – man mag sich gar nicht ausmalen, welche Schätze im Nachlass schlummern.

Tobias Heyl in FALTER 21/2008



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