Kreisky - Haider. Bruchlinien österreichischer Identitäten

Anton Pelinka


Unangenehme Gleichklänge

Drei Politologen widmen sich in einem neuen Buch den Gemeinsamkeiten von Bruno Kreisky und Jörg Haider. Und finden dabei Verstörendes.

Bruno Kreisky, Jörg Haider und die österreichische Identität - was hat das miteinander zu tun? Nicht viel, auf den ersten Blick. Deswegen ist es auch ein ziemlich mutiges Projekt, ein Buch zu publizieren, das den Anspruch stellt, die beiden markantesten Politiker der Zweiten Republik nicht nur zu beschreiben, sondern sie auch in Beziehung zueinander zu setzen - und daraus Rückschlüsse auf das Selbstverständnis der Nation zu ziehen. Je gewagter die These, umso besser, wenn Herausgeber und Autoren von einem soliden wissenschaftlichen Fundament aus argumentieren können. Das ist bei dem soeben erschienenen Band "Kreisky Haider. Bruchlinien österreichischer Identitäten" mit Sicherheit der Fall. Die Politologen Anton Pelinka und Hubert Sickinger gehören zum intellektuellen Establishment Österreichs. Vor allem Pelinka prägt den öffentlichen Diskurs zur Frage "Was ist österreichischsein?" seit Jahren maßgeblich mit. Sein Beitrag im Sammelband ist dann auch am spannendsten zu lesen, weil er einlöst, was der Titel des Buches verspricht: eine intensive Auseinandersetzung mit der österreichischen Identität, dokumentiert anhand der Haltungen zweier Ausnahmepolitiker. Bruno Kreisky und Jörg Haider - das sind einerseits zwei Politikerfiguren, die aufgrund ihrer Biografie wie kaum jemand anderer die gegensätzlichen Pole der österreichischen Zeitgeschichte repräsentieren. Hier Kreisky, der in der Zwischenkriegszeit politisch geprägte Sozialdemokrat und vom NS-Regime Vertriebene, der Familienangehörige im Holocaust verlor. Ein großbürgerlicher, assimilierter Jude, der gleichzeitig sein Jüdischsein nie verleugnete, aber auch nicht allein dadurch definiert werden wollte. Dort Jörg Haider, Nachkriegsrepräsentant des deutschnationalen Lagers, in einem nationalsozialistischen Haushalt aufgewachsen - und mit den Codes dieses Milieus bestens vertraut. Kreisky und Haider, das sind andererseits zwei Politiker, die im Umgang mit der österreichischen Vergangenheit einen, wie Pelinka es zurückhaltend formuliert, "erheblichen Gleichklang" hatten. "Kreiskys Parteinahme für den SS-Offizier Friedrich Peter und gegen Simon Wiesenthal entsprach einer Geschichtsinterpretation des, Schlussstrichs'", schreibt Pelinka. "Haider hätte Peter nicht besser verteidigen und Wiesenthal nicht deutlicher kritisieren können, als dies Kreisky tat." Der von der Sozialdemokratie verehrte Kanzler als vergangenheitspolitischer Ahnherr für jene "Genug der Aufarbeitung"-Haltung, die der Rechtspopulist Haider Jahre später immer wieder einforderte? Das ist gewiss eine schwerverdauliche Interpretation für die Sozialdemokratie. Kreiskys Politik der Verteidigung Peters und der Attacken auf Wiesenthal sei auch eine Politik der Inklusion der "Ehemaligen" gewesen - also genau jener Wählerschaft, für die sich Haider später als Sprachrohr offerierte, schlussfolgert Pelinka. Was hat das nun mit der österreichischen Identität zu tun? Sowohl Kreisky wie auch Haider hielten sich nicht an das offizielle Narrativ österreichischer Geschichtsschreibung. Kreisky, indem er für einen in NS-Verbrechen Verstrickten Partei ergriff. Haider, indem er die "Kriegsgeneration" als die eigentlichen Opfer definierte. Das, so Pelinka, zeige die Durchlässigkeit des österreichischen Identitätsbegriffs.

Barbaba Tóth in FALTER 21/2008



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