Annemarie Schwarzenbach. Eine beflügelte Ungeduld.

Dominique Laure Miermont, Susanne Wittek


Eine Pause im Nichts

Wären da nicht diese melancholischen Augen gewesen. Kein Biograf der Schweizer Schriftstellerin Annemarie Schwarzenbach kommt umhin, die große Wirkung ihrer Erscheinung auf die Umwelt zu betonen. Affären und Flirts mit unzähligen Frauen säumen den kurzen Lebensweg der 1942 im Alter von 34 Jahren verstorbenen Autorin. Dennoch gerät Schwarzenbach in den drei Büchern, die nun anlässlich ihres 100. Geburtstags erschienen sind, nur selten als aktive Verführerin in den Blick. Tiefe Getriebenheit und Wehrlosigkeit gegenüber dem inneren Leidensdruck sprechen aus vielen ihrer Briefe. Schwarzenbach hat ihr Leben weniger als Kapitänsfahrt denn als ständigen Schiffbruch empfunden.
Dabei waren die Voraussetzungen alles andere als schlecht. Ihr Vater, der Textilfabrikant Alfred Schwarzenbach, zählte zu den reichsten Schweizer Industriellen. Annemarie wuchs als Sandwichkind mit vier Geschwistern auf dem großen Anwesen bei Zürich auf, Reitsport und klassische Musik standen auf der Tagesordnung. Als uneingeschränkte Gebieterin herrschte Renée Schwarzenbach über Landgut und Familie. Wenn es um den Quell von Annemaries psychischer Misere geht, steht die dominante Mutter für die Biografen an erster Stelle – zumal diese nach dem Tod ihrer Tochter deren Tagebücher und Briefe vernichtete.
Nur Alexis Schwarzenbach, der Urenkel Renées, zeigt in seinem wunderschön illustrierten Buch, dass die Mutter auch als Vorbild gedient haben könnte: Die Tochter eines Generals war mit vielen Künstlern und Intellektuellen befreundet und unterhielt über 30 Jahre lang eine Beziehung mit der Sängerin Emmy Krüger. Alexis Schwarzenbach weist auch auf die Leidenschaft für das Fotografieren hin, die Mutter und Tochter neben der Neigung für Frauen verband. Der tiefe Graben tat sich erst Anfang der 30er-Jahre auf, als sich Annemarie in die Antifaschistin Erika Mann verliebte und ihre deutschnationale Mutter bald leidenschaftlich zu hassen begann.
Introvertiertheit verband sich in Schwarzenbachs Charakter mit einer – wenngleich stets verleugneten – Kraft, sich zu beschaffen, was sie wollte. So schrieb sie 1930 an die drei Jahre ältere Autorin und Schauspielerin Erika Mann und bat um ein Treffen. Den Manns gefiel die zarte, androgyne Schönheit auf Anhieb. "Miro", wie Klaus und Erika Mann ihre Freundin nannten, hatte in Erika zwar keine Geliebte gefunden, dafür aber eine idealisierte Gegenfigur zu ihrer schwierigen Mutter.
Ein Alter Ego bildete für Schwarzenbach Klaus Mann, der mit seiner labilen Sensibilität deren unruhig flackerndes Seelenleben besser verstand als seine dynamische Schwester. In ihrer lebenslangen Korrespondenz verhandelten die beiden existenzielle Belange ebenso wie literarische und politische Fragen. Verhängnisvoll gestalteten sich hingegen ihre Zusammenkünfte, bei denen sich Komplizenschaft durch exzessiven Drogenkonsum herstellte. "Es bereitet mir nicht einmal Vergnügen, es ist eher wie eine Pause im Nichts ... die einzige Entspannung, die ich kenne", bekannte Schwarzenbach einmal.
1931 erschien mit "Freunde um Bernhard" ihr erster Roman, dessen Cover Schwarzenbachs knabenhaftes Gesicht im Profil schmückte: der Auftakt für das Porträt einer verlorenen Jugend in der Zwischenkriegszeit, das die Autorin in ihrem guten Dutzend Werken zeichnete. Der labile Zustand autobiografisch angehauchter Romanfiguren steht dabei immer auch für die Umbruchssituation und die Gefahren im Europa jener Zeit. Wie die lesenswerte Biografie von Dominique Laure Miermont zeigt, kam die Rastlose trotz ihrer wiederholten Aufbrüche nie an. 1933 schließt sie sich einer Gruppe von Archäologen an und reist innerhalb von sieben Monaten von der Türkei über Syrien, Beirut, Jerusalem und Bagdad nach Teheran.
Diese erste Orientfahrt brachte eine Vertiefung ihrer journalistischen Tätigkeit mit sich, in deren Rahmen sie über 300 Reisefeuilletons schrieb. Im Lauf der folgenden zehn Jahre nimmt die autobegeisterte Schriftstellerin abenteuerliche Fahrten auf sich und lebt längere Zeit in Persien und im Kongo. Am bekanntesten wurde ihre fünfmonatige Autoreise mit der Reiseschriftstellerin Ella Maillart 1939 nach Afghanistan. Aber auch aus den baltischen Staaten und dem Süden der USA lieferte Schwarzenbach sozialkritische Reportagen.
Um sich von ihrer Familie zu lösen, heiratete Schwarzenbach im Oktober 1935 Claude Clarac, einen französischen Gesandten in Persien. Im Winter zuvor hatte sie einen Selbstmordversuch begangen, nachdem ihr Vater brieflich mit dem Abbruch des Kontakts gedroht hatte. Der Spagat zwischen ihrer mit Hitler sympathisierenden Familie und den wahlverwandten Manns zerreißt Schwarzenbach so sehr, dass sie nach einer Verankerung in der Ferne sucht. Aber auch die Heirat gewährt der unermüdlichen Autorin nur kurz Erleichterung. Nach einem halben Jahr als Diplomatengattin kehrt sie zurück nach Europa, wo ihre Drogenkrisen überhandnehmen. 1938 unterzieht sich Schwarzenbach vier Entziehungskuren und trifft doch nie auf einen Psychiater, der ihr helfen kann.
Ganz im Gegenteil: In den gnadenlosen Klinikaufzeichnungen, die in Alexis Schwarzenbachs Biografie abgedruckt sind, blitzt eine grausame Facette ihrer Persönlichkeit auf. Die aristokratisch wirkende "Morphinistin" sorge in der Anstalt für Nervenzusammenbrüche zweier Patientinnen, mit denen sie gleichzeitig ein Verhältnis habe.

Schwarzenbach war durchaus nicht immer die verschmähte Geliebte wie bei Erika Mann, sondern sie nahm auch selbst gern die Rolle der Angebeteten ein. Das belegt ihre Beziehung zur damals noch blutjungen US-Schriftstellerin Carson McCullers. Das Buch "Fast eine Liebe" von Alexandra Lavizzari schildert ihre Gemeinsamkeiten: In der Jugend hochbegabte Pianistinnen, wandten sie sich doch dem Schreiben zu und veröffentlichten beide mit 23 ihren ersten Roman. Über die Unmöglichkeit erfüllter Liebe, von der beider Bücher handeln, versuchten sie sich mit Betäubung hinwegzutrösten. Schwarzenbach erwiderte das Begehren der neun Jahre jüngeren Amerikanerin nicht. Aber wie sie später schreibt, hätte sie sich eine Liebe mit ihr gewünscht.
Das Ende der "poète maudite" (Lavizzari) kam vollkommen überraschend: Nach einem Sturz vom Fahrrad in ihrem heißgeliebten Engadin wurde Schwarzenbach in die Psychiatrie eingeliefert und dort mit Elektroschocks malträtiert. Mit der Fehldiagnose "Schizophrenie" wurde ihr ihre Andersartigkeit zum Verhängnis. Das Werk der außergewöhnlichen Schweizerin wurde erst in den 80er-Jahren wiederentdeckt. Ihr früher Tod legte den Grundstock für einen Mythos, der sich bis heute leider an einer mangelnden kritischen Bewertung zeigt. Es scheint so, als ob sich selbst exzellente Biografen nicht ihrer dunklen Anziehungskraft erwehren können.

Nicole Scheyerer in FALTER 21/2008



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