Geschichte Serbiens. 19.-21. Jahrhundert

Holm Sundhaussen


Serbische Knochen

Jüngst blickte Europa gebannt nach Serbien. In vorgezogenen Parlamentswahlen entschied die Bevölkerung nicht nur über eine neue Regierung, sondern auch über ihre Haltung gegenüber der EU. Überraschend setzte sich das proeuropäische Bündnis unter Staatsoberhaupt Boris TadicŽ durch. Trotz dieses Wahlsieges sollte man keine falschen Vorstellungen von Serbien haben: Das Land ist noch immer von einem extremen Nationalismus geprägt, der die Bevölkerung spaltet.
Wer verstehen will, warum Westler und EU-Gegner einander so erbittert bekämpfen, kann die Antwort darauf in Holm Sundhaussens Buch "Geschichte Serbiens: 19.–21. Jahrhundert" finden. Der Professor für südosteuropäische Geschichte an der Freien Universität Berlin geht der Entstehung des serbischen Staates nach. Er listet dabei nicht nur historische Ereignisse auf, sondern sucht auch nach den nationalen Mythen. "Neben dem Staat Serbien gab und gibt es das mentale Serbien, das Serbien in den Köpfen", schreibt er.
Viele Serben sind überzeugt, dass "Fremde" sie nicht verstehen können, sie hätten ein "falsches Bild" vom Land. Für Außenstehende genügt es nicht, die geschichtlichen Eckdaten zu kennen, um das Land zu verstehen. Sie müssen auch Serbiens "innere Realität" kennen lernen. Bereits in der serbischen Sprache schwingen politische Weltvorstellungen mit. Wenn ein Serbe zum Kosovo beispielsweise "Altserbien" sagt, ist das, wie wenn ein Österreicher Zagreb als "Agram" bezeichnen würde. Beide Wörter drücken einen Besitzanspruch aus, der angesichts der heutigen Realität unangemessen ist. Sundhaussen dekodiert in seinem Buch nicht nur diese Sprachmuster, er widmet sich auch der serbischen Vorstellung, was zu ihrem Raum zählt: Fängt das Land bereits dort an, wo ein serbischer Knochen in der Erde liegt, wie Radikalenführer Vojislav Sˇesˇelj behauptete? Oder ist es so, wie Ministerpräsident Vojislav Kosˇtunica herausschrie: "Es wird nur ein Serbien mit Kosovo geben oder keines!"
Obwohl sich der Autor weder in die Rolle des Verteidigers noch des Anklägers begibt, fällt er Urteile. Er sieht die schwerste Hypothek Serbiens darin, dass sich seine Eliten immer mehr für territoriale Expansion interessierten als für das Wohlbefinden aller Bevölkerungsteile. Von den Balkankriegen zu Beginn des 20. Jahrhunderts bis zu den gewaltvollen 90er-Jahren seien alle territorialen Errungenschaften nur Pyrrhussiege gewesen, so Sundhaussen. Die jüngeren Konflikte hätten Serbien gleich um 100 Jahre zurückgeworfen. Wenn die Eliten nicht einer großserbischen Idee gefolgt wären, würden sie heute in einem hochentwickelten Land leben.
Serbien braucht mehr Bürgersinn und eine kritische Auseinandersetzung mit seiner Mythengeschichte. Das Land solle aufhören, sich als Opfer zu sehen, fordert der Historiker. Von einem modernen Serbien würde auch der Westen profitieren. "Was ,Europa' von Serbien braucht, sind die klugen und mutigen Köpfe, die diese Gesellschaft hervorgebracht hat." Sundhaussen zitiert den Schriftsteller Milovan VitezovicŽ mit den Worten: "Wenn sich die Welt vereinigt, werden alle Serben in einem Staat leben." Aber für Sundhaussen muss sich nicht gleich die ganze Welt versöhnen. Ein vereintes Europa wäre ein erster Schritt.

Veronika Seyr in FALTER 21/2008



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